Stephen Sondheim ist nicht gerade für leichte Musical-Kost bekannt. Und seine Märchen-Adaption „Into the woods“, in der er zusammen mit James Lapine sämtliche Märchen-Klischees auf die Spitze treibt, bildet hier wahrlich keine Ausnahme.
„Es war einmal …“ – mit diesen Worten beginnt die Geschichte von „Into the Woods“, in der gleich mehrere Märchenfiguren aufeinandertreffen. Aschenputtel sehnt sich danach, den Ball des Königs besuchen zu dürfen, Hans möchte seine geliebte Kuh Milchweiß behalten und das Bäckerehepaar wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Auch Rotkäppchen, Hans‘ Mutter und Aschenputtels Stieffamilie verfolgen ihre eigenen Wünsche. Doch die Erfüllung dieser Wünsche hat ihren Preis: Eine Hexe eröffnet dem Bäcker und seiner Frau, dass ein Fluch auf ihrer Familie liegt. Vier Zutaten können ihn brechen – eine milchweiße Kuh, ein blutrotes Cape, Haar so gelb wie Mais und ein goldener Schuh. Auf der Suche nach den Zutaten führt der Weg alle Beteiligten in den Wald. Dort begegnen sie dem bösen Wolf, Prinzen, Riesen und weiteren Märchenfiguren, während sich ihre Geschichten zunehmend miteinander verflechten. Am Ende scheint jeder sein persönliches „Happy End“ gefunden zu haben: Aschenputtel heiratet ihren Prinzen, Hans gelangt zu Reichtum, Rapunzel findet ihren Prinzen und das Bäckerehepaar bekommt das ersehnte Kind.
Doch im zweiten Akt zeigt sich, dass ein Happy End nicht zwangsläufig glücklich bleiben muss. Die Wünsche der Protagonisten wurden zwar erfüllt, sie sind aber weiterhin unzufrieden. Als eine Riesin in den Wald kommt und Rache für ihren getöteten Mann fordert, zerbricht die scheinbare Idylle. Nach und nach verlieren die Figuren ihre Angehörigen und erkennen, dass ihre eigenen Entscheidungen und Wünsche die Katastrophe mitverursacht haben. Der Bäcker, Aschenputtel, Hans und Rotkäppchen müssen schließlich gemeinsam gegen die Riesin antreten. Nach ihrem Sieg bleiben sie mit der Verantwortung für die Zukunft zurück. Der Geist der Bäckersfrau ermutigt den Bäcker, ihrem gemeinsamen Kind ihre Geschichte zu erzählen. Die Hexe mahnt, vorsichtig mit dem zu sein, was man Kindern erzählt, denn Kinder hören zu. So endet „Into the Woods“ mit der Erkenntnis, dass Wünsche Konsequenzen haben, jeder seinen eigenen Weg durch den „Wald“ gehen muss und dabei die Erfahrungen der Vergangenheit nicht vergessen darf. (Quelle: Wikipedia)
Ausgerechnet diese verworrende Geschichte, die wie bei Sondheim üblich, mit anspruchsvollen Kompositionen und sehr viel Text daherkommt, haben die Schüler:innen des 2. Jahrgangs der Stage School Hamburg für ihr Semesterprojekt gewählt. Allein daür gebührt ihnen schon Respekt.
Doch dabei bleibt es nicht: Die Umsetzung darf durchaus als gelungen bezeichnet werden: Emma Beckmann und Nina Oeter haben beim Bühnenbild gute Arbeit geleistet und verwandeln die Bühne mit wenigen beweglichen Kulissen in einen Wald voller Überraschungen und Erlebnisse. Die Kostüme von Marek Blass und Emma Kosmanek sind stimmig und passen zum authentischen Gesamtbild der Show. Die Musikalische Leitung für dieses anspruchsvollen Musical lag bei Paula Gorek und Deborah Joss. Auch dieses Tandem hat sehr gute Arbeit geleistet; die Rollen sind gut besetzt, die Ensemble-Nummern gut einstudiert. Timon Strick zeichnet mit Assistenz von Marla Günther, die zudem auch die spärlich gesäte Choreographie verantwortet, für die Regie verantwortlich. Sicherlich keine leichte Aufgabe, da der rote Faden sich mehrfach im Wald zu verlieren droht und die Märchenfiguren jede für sich bereit für das Rampenlicht wäre. Doch Strick gelingt es, die verworrende Handlung und die starken Charaktere in Einklang zu bringen.
Nurya Bascio überzeugt als Hexe schauspielerisch als gesanglich gleichermaßen – sowohl im 1. Akt, in dem sie ja noch die „böse“ Hexe ist, als auch im 2. Akt, vor dem sie sich in eine Sterbliche verwandelt hat. Man darf gespannt sein, auf welcher Bühne man dieses Naturtalent in Zukunft sehen wird.
Man lernt in „Into the Woods“ die beliebten und bekannten Märchenfiguren von einer ganz anderen Seite kennen. Das gilt auch für Rotkäppchen, das Caroline Pötzelsberger sehr erwachsen und berechnend spielt. Vom naiven Kind keine Spur! Im Gegenteil – Rotkäppchen ist sehr selbstbewusst und wehrhaft!
Auch Aschenputtel ist nicht so süß und hilflos wie man sie kennt. Anna Sofia Bäuer bringt ihre zielstrebige, entscheidungsfreudige Seite gut zu Geltung. Auch gesanglich jonglieren beide Text und Melodie gekonnt, was nicht allen Schüler:innen so gut gelingt.
Für die komischen Momente sind die Prinzen von Aschenputtel und Rapunzel zuständig. Maximilian Dosk und Tobias Remmel gehen in ihren überzeichneten Schürzenjägerrollen auf. Ihre Lacher verfehlen das Publikum nicht. Dass die beiden im 2. Akt scheinbar spielend von ihren eroberten Prinzessinen zu den nächsten (Schneewittchen und Dornröschen) weitergehen, unterstreicht die Oberflächlichkeit dieser Figuren, die sich auch im äußeren Erscheinungsbild widerspiegelt. Optik und Status sind für diese beiden Herren alles. Wirklich toll!
Der Bäcker und seine Frau, die ja aufgrund des Familienfluchs im Mittelpunkt der Handlung stehen, werden von Elias Niesner und Nina Oeter gespielt. Beiden gelingt es, die charakterlichen Stärken und Schwächen ihrer Rollen herauszuarbeiten. Auch gesanglich schlagen sie sich gut.
Leopard Riegger und Ann-Kathrin Bognar haben als Hans (und die Bohnenranke) und dessen Mutter zwar weniger Szenen, aber beide sind sehr gut besetzt und können das Publikum für sich gewinnen.
Zu erwähnen ist auf jeden Fall noch Jan Paschelke als Wolf, bei dem die Anleihen an Dr. Jekyll und Mr. Hyde sicherlich nicht zufällig gewählt sind. Eine sehr gelungene Darbietung.
Insgesamt stehen 36 Schüler:innen in verschiedenen Rollen auf der Bühne. Es ist schön zu sehen, dass sich alle einbringen können und durch Besetzungswechsel auch jeder Mal in der sprichwörtlichen 1. Reihe steht.
Die Schüler:innen haben für sich die Vision formuliert, dass ihre Inszenierung die Beziehungen zwischen den Figuren in den Mittelpunkten stellen möchte.
Humorvolle Momente und märchenhafte Bilder stehen neben den ernsten Fragen nach Verantwortung und Zusammenhalt, was eine Welt erschafft, die vertraut und überraschend zugleich ist.
Die Schüler:innen werden ihren eigenen Ansprüchen mit ihrem Semesterprojekt mehr als gerecht.
Michaela Flint
Theater: First Stage Theater, Hamburg
Besuchte Vorstellung: 8. August 2026
Darsteller: Schüler:innen des 2. Jahrgangs der Stage School Hamburg
Regie & Choreographie: Schüler:innen des 2.Jahrgangs der Stage School Hamburg
Fotos: Patrick Sobottka