home 2026, Neu Die Theatermagie zündet fast zu spät…

Die Theatermagie zündet fast zu spät…

„1,21 Gigawatt? Mein Gott!“ – kaum ein Satz dürfte so eng mit einem Film verbunden sein wie dieser. „Zurück in die Zukunft“ gehört zu den großen Kultfilmen der 1980er-Jahre und hat Marty McFly, Doc Brown und den DeLorean längst zu Ikonen der Popkultur gemacht. Kein Wunder also, dass die Erwartungen an die Musicalfassung hoch sind. Schließlich ist es nicht irgendeine Geschichte, die hier auf die Bühne gebracht wird, sondern ein Film, den viele Zuschauer Szene für Szene kennen.

Dabei ist die Idee, den Stoff auf die Musicalbühne zu bringen, keineswegs eine schnell zusammengezimmerte Verwertung des Erfolgsfilms. Bob Gale, Co-Autor der Filmtrilogie, verantwortet auch das Musical und behielt gemeinsam mit Robert Zemeckis die kreative Kontrolle. Alan Silvestri, der bereits die ikonische Filmmusik komponierte, entwickelte gemeinsam mit Glen Ballard die neuen Songs. Nach der Uraufführung 2020 in Manchester, dem Wechsel ans Londoner West End und weiteren Stationen am Broadway wurde am 22. März 2026 der Fluxkompensator in Hamburg aktiviert.

An der Handlung gibt es naturgemäß wenig zu rütteln. Marty McFly ist ein typischer Teenager der 1980er-Jahre, der mit seinen Eltern wenig anfangen kann und seine Freizeit lieber mit Skateboard und Rock’n’Roll verbringt. Als sein Freund Doc Brown ihm seine neueste Erfindung präsentiert, nimmt die Geschichte ihren Lauf: Der DeLorean ist zur Zeitmaschine umgebaut worden und Marty landet im Jahr 1955. Dort begegnet er nicht nur seinen Eltern als Teenager, sondern bringt durch sein Auftauchen auch die eigene Existenz in Gefahr. Denn wenn George und Lorraine sich nicht ineinander verlieben, wird Marty nie geboren. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Die Musicalfassung hält sich dabei sehr eng an den Film. Das ist für Fans sicherlich die richtige Entscheidung. Vieles ist vertraut, manches wird musikalisch erweitert und gelegentlich bekommt eine Figur etwas mehr Raum. So beginnt der Abend mit einem Ensemble, das sich redlich bemüht, gute Laune über die Rampe zu bringen. Fast schon ein bisschen zu sehr. Die anschließende Audition lässt dann allerdings anklingen, was möglich ist – und steigert die Erwartungen an den Abend.

Besonders schön funktioniert die Beziehung zwischen Marty und Jennifer. Wenn Jennifer ihren Freund nach der vermasselten Audition mit „Egal, was gescheh’n wird“ tröstet, sind die beiden einfach süß zusammen. Dass Raphael Groß und Sonya Lachmann auf ungewöhnliche Art auch stimmlich harmonieren, macht diese Momente umso sympathischer.

Für Marty läuft es allerdings zunächst alles andere als rund. Die Zurückweisung bei der Audition ist noch nicht verarbeitet, da muss er zuhause einmal mehr erleben, wie sein Vater von Biff Tannen (Samuel Hoi Ming Chung) drangsaliert wird. Marty zerfließt zunächst gehörig in Selbstmitleid – bis Doc Brown und seine Zeitmaschine ins Spiel kommen.

„Es funktioniert!“ – und wie!

Wenn Doc Brown den DeLorean präsentiert, ist die Bühne endgültig im „Zurück in die Zukunft“-Universum angekommen. „Es funktioniert“ ist mitreißend und unterstreicht gleichzeitig die sympathische Schrulligkeit des Wissenschaftlers. Marko Formanek gibt Doc genau die Mischung aus Begeisterung, Überdrehtheit und liebenswertem Wahnsinn, die man von dieser Figur erwartet.

Und dann geht es zurück ins Jahr 1955…

Marty muss auch dort als Erstes feststellen, dass sich in 30 Jahren an den Machtverhältnissen zwischen Biff und George offenbar wenig geändert hat. Einer der schönsten musikalischen Momente des ersten Aktes gehört allerdings Goldie Wilson (Charles-Douglas Mitchell). In „Klein anfang’n“ spricht der Diner-Angestellte nicht nur sich selbst Mut zu, sondern auch George McFly (Eike Keller). Eine kleine Nummer mit einer großen Botschaft: Manchmal muss man einfach anfangen, an sich selbst zu glauben.

Weniger subtil geht es bei „Pretty Baby“ zu. Durch einen dummen Zufall verliebt sich Martys Mutter Lorraine in den Jungen, den sie für „Calvin Klein“ hält. Die Nummer bewegt sich hart an der Grenze zum Trash – und genau deshalb funktioniert sie zumindest als komischer Moment des Abends. Sandra Leitner spielt Lorraine überzeugend zwischen liebeshungriger Schülerin und wahlweise erschöpfter oder erfolgreicher Mutter. Dass sie diese verschiedenen Facetten glaubhaft zusammenbringt, gehört zu den Stärken der Besetzung.

Spätestens mit „Future Boy“ zeigt Raphael Groß, dass er sich die Figur des Marty McFly zu eigen gemacht hat. Und das ist durchaus bemerkenswert, denn die Fußstapfen von Michael J. Fox sind nicht gerade klein. Trotzdem ertappt man sich zu keinem Zeitpunkt dabei, den Filmstar zu vermissen. Groß spielt Marty nicht als Kopie, sondern findet seinen eigenen Zugang zu der Figur.

Das gilt überhaupt für die Besetzung: Sie ist durchweg gelungen. Die Rollen sind klar gezeichnet und die Darsteller verstehen es, die bekannten Figuren auf der Bühne lebendig werden zu lassen. Auch Samuel Hoi Ming Chung macht als Biff Tannen sehr deutlich, warum man diesen Typen schon im Film nicht leiden konnte.

Den zweiten Akt eröffnet Doc Brown mit „Was uns die Zukunft bringt“. Auch diese Nummer trieft vor einer Mischung aus Comedy, Trash und durchaus vorhandener Botschaft. Grenzwertig? Ja. Unterhaltsam? Ebenfalls ja.

Diese Gratwanderung zieht sich allerdings durch den gesamten Abend. Immer wieder stellt sich die Frage, wo genau die Macher eigentlich hinwollen: Ist das gerade eine klassische Musicalkomödie? Ein augenzwinkernder Nostalgietrip? Oder doch eher Slapstick? Die Grenzen sind fließend. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. „Zurück in die Zukunft“ lebt schließlich von seinem Humor. Aber gelegentlich wirkt die Inszenierung, als würde sie sich nicht ganz entscheiden können, wie weit sie die Komik treiben möchte.

Sehr gelungen ist „Wer will der kann“: Marty versucht seinem Vater George ein wenig Selbstbewusstsein einzutrichtern und ihm Tipps zu geben, wie er Lorraine erobern kann. Schließlich hängt davon nicht weniger ab als Martys eigene Existenz. Die Nummer bringt diese absurde Ausgangslage sehr amüsant auf den Punkt.

Ein echter Ruhepol ist „Ein Hoch auf alle Träumer“. Doc Brown erinnert sich an bekannte und weniger bekannte Wissenschaftler und Forscher, die die Welt verändert haben. Hier bekommt die Figur einmal eine andere Facette und die Show etwas mehr Herz.

Das größte Fragezeichen bleibt für mich die Musik

Alan Silvestri und Glen Ballard haben für das Musical zahlreiche neue Songs geschrieben. Ergänzt werden diese durch die bekannten Hits „The Power of Love“, „Earth Angel“ und „Johnny B. Goode“. Die Songliste umfasst insgesamt 23 Nummern. Und genau hier liegt das Problem: Es sind zu wenige bekannte Songs.

Natürlich kann ein Musical nicht ausschließlich aus Hits des Films bestehen. Aber gerade bei „Zurück in die Zukunft“ gehört die Musik untrennbar zum Zeitgefühl und zur Identität des Films. Die neuen Nummern funktionieren auf der Bühne durchaus, schaffen es aber nicht immer, den Vibe und den Zeitgeist des Originals zu transportieren. Das spürt man leider auch an den (ausbleibenden) Reaktionen des Publikums.

Wenn dann bei „Johnny B. Goode“ endlich ein wirklich bekannter Song erklingt, spiegeln die Zuschauer dies unmittelbar: Sie sind begeistert, klatschen mit und feiern diesen Moment. Genau hier spürt man plötzlich, was diese Show musikalisch eigentlich könnte.

„The Power of Love“ sorgt später noch einmal für einen dieser vertrauten Momente, bevor „Back in Time“ die Show beschwingt abrundet.

Dass die Kostüme passen, ist bei einer Geschichte, die zwischen 1985 und 1955 hin- und herspringt, keine Nebensache. Die unterschiedlichen Jahrzehnte werden klar voneinander abgegrenzt und auch die Choreografien unterstützen das jeweilige Zeitgefühl. Aber all das ist am Ende nur die Vorbereitung auf das, worauf vermutlich jeder Zuschauer gewartet hat: die Zeitreise.

Die letzten 15 bis 20 Minuten sind pure Theatermagie!

Hier wird endlich alles aufgefahren, was eine große Musicalproduktion ausmacht: ausgeklügelte Technik, viel Licht, tolle Effekte, ein fliegendes Auto und brennende Reifenspuren auf der Straße. Der DeLorean wird zum Star der Show. Und genau so muss es sein!

Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Show in diesen letzten Minuten noch einmal steigert. Gerade weil die Handlung durch den Film bekannt ist, muss die Bühne nicht mit überraschenden Wendungen punkten. Sie muss zeigen, wie sie das, was wir kennen, auf die Bühne bringt. Und hier liefert die Produktion ab.

Dass der DeLorean überhaupt so eng mit der Geschichte verbunden ist, ist übrigens eine ziemlich kuriose Erfolgsgeschichte. Der DMC-12 war vor dem Film ein kommerzieller Flop. Erst Robert Zemeckis und Bob Gale machten das Auto zur Zeitmaschine und damit zur Ikone. Heute ist der DeLorean aus der Bildsprache von „Zurück in die Zukunft“ nicht mehr wegzudenken.

Nachdem Marty dafür gesorgt hat, dass seine Eltern sich tatsächlich ineinander verlieben, geht es zurück ins Jahr 1985. Natürlich ist die Sache damit noch lange nicht erledigt. Denn seine Reise nach 1955 hat Spuren hinterlassen. Goldie Wilson ist Bürgermeister, George McFly ein bekannter Autor, Lorraine eine erfolgreiche Familienmanagerin und Biff Tannen plötzlich der Handlanger. Nur eine Frage bleibt: Wo ist Doc Brown?

Der taucht selbstverständlich standesgemäß aus der Zukunft auf und hat Marty einiges zu berichten – ausgerechnet mitten im Song „The Power of Love“. Die Geschichte wird also an dieser Stelle nicht ganz zu Ende erzählt…

„Zurück in die Zukunft – Das Musical“ ist dann am stärksten, wenn es sich traut, groß zu sein. Die Besetzung stimmt, die Kostüme passen, die Choreografien funktionieren und spätestens bei den großen technischen Momenten zeigt die Produktion, warum ein solcher Stoff überhaupt auf die Musicalbühne gehört.

Raphael Groß überzeugt als Marty McFly und schafft das Kunststück, die Figur nicht einfach zu kopieren. Marko Formanek gibt Doc Brown die notwendige Schrulligkeit, Sandra Leitner macht Lorraine zu einer der interessanteren Figuren des Abends und auch die weitere Besetzung ist sehr überzeugend.

Schade ist allerdings, dass die neuen Songs den Geist des Films nicht immer treffen. Gerade weil „The Power of Love“, „Earth Angel“ und „Johnny B. Goode“ so unmittelbar funktionieren, wird deutlich, wie sehr die Show von den bekannten Songs profitiert. Ein paar mehr davon hätten dem Musical sicher gutgetan.

Auch die Mischung aus Komödie und Slapstick ist nicht immer ganz trennscharf. Manchmal fragt man sich, ob die Szene gerade bewusst überdreht sein soll oder ob sie einfach ein bisschen zu viel des Guten ist.

Aber dann kommt das Finale… Und spätestens wenn der DeLorean über die die Köpfe der Zuschauer fliegt, die Reifenspuren brennen und Licht und Technik miteinander verschmelzen, ist man wieder genau dort, wo man sein möchte: zurück in der Zukunft.

Und dafür hat sich die Reise dann doch gelohnt.

Michaela Flint

Theater: Operettenhaus Hamburg
Besuchte Vorstellung: 23. August 2026

Darsteller: Raphael Groß, Marko Formanek, Sandra Leitner, Eiko Keller, Samuel Hoi Ming Chung, Charles-Douglas Mitchell, Siegmar Tonk

Regie / Choreografie: John Rando / Chris Bailey
Fotos: Johan Persson