Nach dem großen Erfolg des ersten Teils war die Erwartung an „Wicked: For Good“ entsprechend hoch. Schließlich hatte „Wicked“ nicht nur musikalisch und optisch überzeugt, sondern vor allem mit Cynthia Erivo und Ariana Grande zwei Hauptdarstellerinnen gefunden, die Elphaba und Glinda auch auf der Leinwand zu ihren eigenen Figuren gemacht haben. Nun soll der zweite Teil die offenen Fragen beantworten: Was wird aus Fiyero? Was geschieht mit Nessarose und Boq? Kann Glinda tatsächlich „gut“ werden? Und natürlich: Wie endet die Geschichte der beiden Hexen von Oz?
Die Voraussetzungen waren dabei durchaus interessant. „Wicked“ und „Wicked: For Good“ wurden gleichzeitig gedreht. Damit konnten Sets, Kostüme und Ausstattung über beide Filme hinweg konsequent geplant und miteinander verzahnt werden. Auch erzählerisch wurde die Zweiteilung von Anfang an berücksichtigt. Winnie Holzman und Dana Fox hatten dadurch die Möglichkeit, Motive und Bilder bewusst vom ersten in den zweiten Film zu übertragen.
Das merkt man „Wicked: For Good“ auch an. Allerdings nicht immer nur positiv.
Während der erste Film vor allem von Entdeckung, Freundschaft und dem Aufbruch in eine neue Welt lebte, ist „For Good“ deutlich düsterer. Elphaba lebt versteckt im Wald, Glinda residiert in der Emerald City und wird vom Wizard und Madame Morrible als strahlendes Aushängeschild des Guten eingesetzt. Eigentlich hat sie alles, was sie sich immer gewünscht hat – Ruhm, Anerkennung, schöne Kleider und Fiyero an ihrer Seite. Und trotzdem ist sie alles andere als glücklich.

Ariana Grande darf in diesem zweiten Teil zeigen, dass sie inzwischen deutlich mehr kann als die quietschrosa „Popular“-Glinda aus dem ersten Film. Und sie macht das richtig gut. Gerade musikalisch überrascht sie erneut. In „Thank Goodness“ ist die öffentliche Fassade der perfekten Glinda zwar noch intakt, darunter bröckelt es allerdings gewaltig. Grande schafft es, dieses Nebeneinander von aufgesetzter Fröhlichkeit und innerer Verzweiflung sehr schön herauszuarbeiten.
Auch der neue Song „The Girl in the Bubble“ passt hervorragend zu dieser Entwicklung. Glinda lebt buchstäblich in ihrer eigenen Blase. Ihre schillernde Seifenblasenwelt ist dabei mehr als nur ein hübsches visuelles Gimmick: Sie steht für die Illusion, die der Wizard geschaffen hat und die Glindas eigene Unsicherheit und ihre fehlende magische Begabung kaschiert. Die Idee des „sphärischen Transportglobulus“ ist dabei herrlich kreativ – und sieht natürlich auch noch ziemlich spektakulär aus.
Überhaupt bekommt Glinda in „For Good“ deutlich mehr emotionale Tiefe. Sie schwimmt zwar zwischendurch ausgiebig in Selbstmitleid, kommt aber schließlich an den Punkt, an dem sie erkennt, dass sie nicht länger nur Zuschauerin sein kann. Sie muss selbst handeln.
Und Ariana Grande kann das. Sehr sogar.

Wenn es in „Wicked: For Good“ eine Darstellerin gibt, die über jeden Zweifel erhaben ist, dann ist es Cynthia Erivo. Elphaba ist inzwischen eine Gejagte, die sich im Wald versteckt und trotzdem weiter für die Tiere kämpft. Gerade der neue Song „No Place Like Home“ macht deutlich, warum sie Oz trotz allem nicht einfach den Rücken kehren kann. Es ist ihre Heimat – auch wenn diese Heimat sie ablehnt.
Das ist einer der schönsten neuen musikalischen Momente des Films. Elphaba trifft dabei auch den Zuckerbären wieder, der gemeinsam mit den anderen Tieren aus Oz fliehen will. Selbst der spätere Löwe taucht auf – jener Löwe, den Elphaba einst aus seinem Käfig befreit und damit, wie sich nun herausstellt, nicht unbedingt glücklicher gemacht hat.
Noch beeindruckender ist allerdings „No Good Deed“. Hier darf Cynthia Erivo stimmlich wirklich alles geben. Die Nummer hat eine unglaubliche Intensität und zeigt eine Elphaba, die endgültig genug davon hat, für ihre guten Taten bestraft zu werden. Auch die Rückblenden funktionieren sehr gut und verleihen dem Song zusätzliche emotionale Wucht.
Dass Elphaba anschließend noch einmal abhebt und damit optisch an „Defying Gravity“ erinnert, wirkt dagegen ein wenig bemüht. Man hatte offenbar das Gefühl, dass die Hexe zum Schluss noch einmal fliegen muss. So richtig notwendig ist das nicht.
Viel zu viel Spektakel?
Überhaupt hat Jon M. Chu im zweiten Teil gelegentlich etwas zu viel Freude am großen Kino.
Die Zerstörung der Yellow Brick Road direkt nach „I Couldn’t Be Happier“ ist dafür ein gutes Beispiel. Elphaba will eigentlich lediglich der Tierquälerei ein Ende setzen – und daraus wird eine Actionsequenz, die für meinen Geschmack deutlich zu groß geraten ist.
Dabei ist die Ausstattung weiterhin fantastisch. Nathan Crowley hat Oz noch einmal erweitert und zahlreiche Sets aus dem ersten Film weiterentwickelt. Besonders die Emerald City bekommt mehr Raum. Die Kamera blickt erstmals durch die großen Torbögen hinaus und eröffnet den Blick auf eine noch größere Welt. Und auch der Kontrollraum des Wizards mit seiner gigantischen mechanischen Kopfmaschine ist ein ausgesprochen hübsches Detail.
Die Produktionsdesigner haben sogar rund eine Million gelbe Tulpen rund um das Munchkinland-Set gepflanzt, um den Beginn der Yellow Brick Road zu gestalten. Die Straße selbst wurde als echtes Set gebaut und anschließend digital erweitert.
Das ist genau die Art von Aufwand, die „Wicked“ auch auf der großen Leinwand besonders macht: Man hat nicht den Eindruck, dass hier einfach ein Bühnenbild digital aufgeblasen wurde. Oz darf tatsächlich existieren.

Auch kostümtechnisch gibt es erneut viel zu entdecken. Paul Tazewell, der für „Wicked“ bereits mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, führt seine Designs konsequent weiter. Elphabas Kleidung wird praktischer und selbstbewusster, während Glindas Garderobe immer stärker zur Inszenierung ihrer öffentlichen Rolle wird.
Besonders Glindas Hochzeitskleid ist natürlich ein Hingucker. 25 Meter Schleier, Schmetterlinge, Kristalle – Understatement sieht anders aus.
Das Diadem erinnert dabei durchaus an einen Dornenkranz. Ein hübsches Detail, wenn man bedenkt, dass Glinda zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr so unschuldig ist, wie ihre rosafarbene Fassade suggeriert.
Auch Boq erhält als späterer Tin Man einen ausgesprochen gelungenen Look. Maske und Kostüm gehören für mich zu den optischen Highlights des Films.
Marissa Bode bekommt als Nessarose deutlich mehr zu tun als im ersten Film. Ihre Figur ist inzwischen Gouverneurin von Munchkinland und hat sich von der verletzlichen jungen Frau zu einer verbitterten Machthaberin entwickelt.
Boq kündigt schließlich, was Nessarose so sehr verletzt, dass sie den Munchkins verbietet, das Land zu verlassen. Damit zwingt sie ihn zurück in ihre Dienste. Die Beziehung der beiden ist ohnehin längst von Liebe befreit und besteht vor allem aus gegenseitiger Abhängigkeit. Das Produktionsmaterial beschreibt diese Verbindung treffend als Festhalten an einer Liebe, die eigentlich nie existiert hat.
In „The Wicked Witch of the East“ darf Bode dann endlich zeigen, was in ihr steckt. Elphaba lässt Nessarose schweben und gibt ihr damit für einen kurzen Moment das Glücksgefühl zurück, das sie einst beim Tanzen mit Boq im Ozdust Ballroom erlebt hat. Ein schöner Rückgriff auf die Vergangenheit der beiden Schwestern.
Dass Nessarose sich schließlich selbst als „Wicked Witch of the East“ bezeichnet, führt die Geschichte konsequent in Richtung der bekannten Oz-Erzählung.

Überhaupt ist „For Good“ deutlich stärker mit „Der Zauberer von Oz“ verknüpft als der erste Film. Dorothy, Toto, der spätere Tin Man, die Vogelscheuche und der Löwe werden nun Teil der Geschichte. Die Figuren aus der bekannten Oz-Erzählung sind nicht einfach nur Cameos, sondern werden geschickt in die Ereignisse eingebaut.
Der Wizard verlangt schließlich den Besen als Beweis dafür, dass Elphaba tatsächlich tot ist.
Damit schließt sich der Kreis.
Und genau hier zeigt sich eine der großen Stärken der Zweiteilung: Die Filmemacher hatten genügend Zeit, die bekannten Ereignisse aus „Der Zauberer von Oz“ aus einer völlig anderen Perspektive zu erzählen.
Jeff Goldblum bekommt ebenfalls noch einmal seinen großen Auftritt. Sein neuer Song funktioniert vor allem deshalb, weil Goldblum den Wizard weiterhin mit dieser Mischung aus Charme, Selbstverliebtheit und Berechnung spielt.
Besonders sein Spiel mit dem Globus als Ballon hat mich dabei unweigerlich an Charlie Chaplins „Der große Diktator“ erinnert. Der Wizard ist schließlich ein Mann, der seine Macht vor allem aus Inszenierung bezieht. Im Film wird sogar sein Kontrollraum geöffnet und damit buchstäblich hinter die Kulissen seiner angeblichen Magie geblickt.

Michelle Yeoh kann schauspielerisch weiterhin überzeugen. Gesanglich sieht das leider anders aus. Der Sprechgesang von Madame Morrible ist für mich erneut eher gewöhnungsbedürftig. Schon im ersten Teil war Gesang nicht ihre größte Stärke – und auch „For Good“ ändert daran leider nichts.
Sehr schade…
Jonathan Bailey bekommt als Fiyero eine deutlich ernstere Aufgabe. Aus dem unbekümmerten Lebemann des ersten Films ist inzwischen der Anführer der Gale Force geworden. Er funktioniert nach außen als Teil des Systems, glaubt aber längst nicht mehr daran.
Bailey spielt diesen inneren Konflikt überzeugend. Sein Fiyero muss lange Zeit mehr mit Blicken als mit Worten erzählen.
Allerdings haben mich seine Kontaktlinsen diesmal doch ziemlich irritiert. Im ersten Teil waren sie mir kaum aufgefallen, hier wirken sie stellenweise ausgesprochen künstlich.
Wenn Fiyero schließlich zu Elphaba steht, folgt mit „Just for this Moment“ das Liebesduett der beiden. Cynthia Erivo und Jonathan Bailey harmonieren auch hier hervorragend. Nur die Entscheidung, die beiden während des Duetts fliegen zu lassen, erschließt sich mir nicht wirklich. Das ist dann doch ein bisschen „over-done“.
Der tragische Höhepunkt
Nessaroses Tod gehört zu den düstersten Momenten des Films. Madame Morrible setzt gezielt einen Wirbelsturm ein, um Elphaba aus ihrem Versteck zu locken. Glinda liefert – aus ihrer eigenen Verzweiflung heraus – den entscheidenden Hinweis, dass man Elphaba über ihre Schwester erreichen kann.
Das Ergebnis ist bekannt: Das Haus wird durch den Sturm durch die Luft geschleudert und erschlägt Nessarose.
Die anschließende Konfrontation zwischen Glinda und Elphaba gehört für mich dagegen zu den schwächeren Momenten des Films. Der Kampf ist derart überzogen inszeniert, dass er beinahe albern wirkt. Gerade weil die Beziehung der beiden emotional so viel stärker ist als jeder körperliche Konflikt, hätte es diese Art von Action eigentlich gar nicht gebraucht.

Dass Stephen Schwartz und Winnie Holzman den emotionalen Mittelpunkt der Geschichte mit „For Good“ bereits im Musical gesetzt haben, merkt man auch dem Film an. Die Nummer ist das eigentliche Herzstück der Geschichte. Sie handelt davon, wie zwei Menschen sich gegenseitig verändert haben – und davon, dass eine Freundschaft nicht zwangsläufig endet, nur weil sich die Wege trennen.
Cynthia Erivo und Ariana Grande harmonieren auch hier hervorragend.
Allerdings hat die Inszenierung für meinen Geschmack etwas zu viel Freude an Nahaufnahmen. Man bekommt die beiden Leading Ladies teilweise wirklich sehr, sehr nah zu sehen. Inhaltlich funktioniert die Szene trotzdem – gerade weil beide Darstellerinnen inzwischen genau wissen, wie ihre Figuren miteinander umgehen.
Dass „For Good“ im Film um eine weitere Strophe ergänzt wurde, ist für Musicalfans natürlich interessant.
Und dann wird endgültig die Verbindung zum „Wizard of Oz“ hergestellt.
Glinda findet die grüne Flasche und konfrontiert den Wizard damit, dass er seine eigene Tochter hat umbringen lassen. Der große Zauberer von Oz fällt damit endgültig als das in sich zusammen, was er immer war: ein Mann, der eine Illusion von Macht geschaffen hat.
Glinda sorgt anschließend für Ordnung. Der Wizard verabschiedet sich in einen offenbar unbefristeten Urlaub in seinem Heißluftballon, während Madame Morrible den Flying Monkeys überlassen wird. Damit ist Oz aufgeräumt.

„Wicked: For Good“ ist ein großer, aufwendig produzierter Musicalfilm, der seinem Vorgänger in Ausstattung und musikalischem Aufwand in nichts nachsteht. Die Welt von Oz ist weiterhin wunderschön anzusehen, Paul Tazewells Kostüme sind eine Augenweide und Cynthia Erivo sowie Ariana Grande tragen den Film mit großer Spielfreude und vor allem stimmlich auf beeindruckendem Niveau.
Gleichzeitig merkt man dem zweiten Teil aber auch an, dass aus der ohnehin schon opulenten Geschichte unbedingt noch ein großes Kinoereignis gemacht werden sollte. Manche Actionszenen sind schlicht zu viel des Guten, der Kampf zwischen Elphaba und Glinda wirkt fast unfreiwillig komisch und auch beim Fliegen hätte man an der einen oder anderen Stelle durchaus etwas weniger spektakulär inszenieren dürfen.
Musikalisch ist „For Good“ dagegen ein Fest. „No Place Like Home“ ist eine gelungene Ergänzung, „The Girl in the Bubble“ gibt Ariana Grande eine interessante neue Facette und „No Good Deed“ gehört dank Cynthia Erivos unglaublicher Stimme zu den Höhepunkten des Films. Die neuen Songs sind damit tatsächlich mehr als bloße Füllmasse. Sie erweitern die Geschichte und geben den Figuren Raum für Entwicklungen, die auf der Musicalbühne in dieser Form kaum möglich gewesen wären.
Am Ende ist es aber natürlich die Freundschaft von Elphaba und Glinda, die „Wicked: For Good“ trägt. Die beiden haben sich verändert, verletzt, voneinander entfernt und trotzdem nie aufgehört, einander zu bedeuten. Ihre Freundschaft bleibt bestehen, muss aber verborgen werden – und genau darin liegt die bittersüße Qualität des Endes.
Michaela Flint
Darsteller: Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jonathan Bailey, Ethan Slater, Marissa Bode, Michelle Yeoh, Jeff Goldblum, Peter Dinklage (Stimme)
Musik: Stephen Schwartz
Verleih / Fotos: Universal Pictures Germany

