home 2026, Neu Zwischen Rache, Wahnsinn und schwarzem Humor

Zwischen Rache, Wahnsinn und schwarzem Humor

„Sweeney Todd“ am Theater Lüneburg ist ein musikalisch verstörendes Meisterwerk – und in der Lüneburger Inszenierung vor allem dann stark, wenn sie ihren Figuren Raum lässt

Es gibt Musicals, die unterhalten wollen. Und es gibt Musicals, die ihr Publikum herausfordern. „Sweeney Todd“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Stephen Sondheims Musical über den teuflischen Barbier aus der Fleet Street ist düster, grausam und musikalisch alles andere als leicht zugänglich. Dass Sondheim sein Werk selbst als „schwarze Operette“ bezeichnete, ist dabei mehr als eine hübsche Umschreibung. Die Grenzen zwischen Musical und Oper verschwimmen immer wieder, die Musik kommentiert, verdichtet und treibt die Handlung voran. Das Theater Lüneburg wagt sich mit seiner Inszenierung von Olaf Schmidt an genau diese sperrige Seite des Werkes heran. Und das ist gut so.

Denn „Sweeney Todd“ ist keine Geschichte, die sich mit einer einfachen Einteilung in Gut und Böse zufriedengibt.

Ein Barbier, der zum Rächer wird

Benjamin Barker kehrt nach 15 Jahren Gefängnis unter dem Namen Sweeney Todd nach London zurück. Richter Turpin hat ihn einst unschuldig aus dem Weg räumen lassen, um sich seine Frau Lucy und seine Tochter Johanna anzueignen. Nun will Todd Rache. Zunächst gilt sie Turpin. Schon bald aber wird aus dem gezielten Rachefeldzug ein wahlloses Morden. Gemeinsam mit Mrs. Lovett, die in Todd nicht nur einen Geschäftspartner, sondern den Mann ihrer Träume sieht, entwickelt er ein makabres Geschäftsmodell: Aus den Opfern des Barbiers werden Pasteten.

Das klingt grotesk. Und genau das ist es auch.

Sondheim und sein Librettist Hugh Wheeler verbinden die Rachegeschichte mit einer bitteren Gesellschaftskritik. London ist eine Stadt der Gewinner und Verlierer. Menschen werden eingesperrt, ausgebeutet oder einfach beseitigt. Richter Turpin und Büttel Bamford gehören zu jener Seite der Gesellschaft, die ihre Macht nicht nur besitzt, sondern sie hemmungslos ausnutzt. Johanna wird buchstäblich zum Besitz des Richters. Tobias wiederum ist ein Junge, der zwischen den Fronten landet und bei Mrs. Lovett eine Ersatzfamilie findet.

Und mittendrin steht Sweeney Todd.

Ist er ein Mörder? Ein Rächer? Ein Opfer? Oder irgendwann einfach nur noch ein Mann, der die Kontrolle über sich selbst verliert?

Die Lüneburger Inszenierung gibt darauf keine einfache Antwort. Das passt zu einem Stück, dessen Figuren kaum in Schwarz und Weiß einzuteilen sind.

Ein klassischer Blick auf Sondheims „schwarze Operette“

Regisseur und Choreograph Olaf Schmidt inszeniert „Sweeney Todd“ vergleichsweise klassisch. Das ist vielleicht gerade deshalb bemerkenswert, weil Sondheims Musik selbst schon genügend Irritation bereithält. Sie ist komplex, häufig dissonant und verlangt sowohl Sängerinnen und Sängern als auch Orchester einiges ab.

Sondheim ist und bleibt musikalisch verstörend. Immer wieder scheinen Gesang und Orchester gegeneinander zu laufen. Das ist kein Fehler, sondern Teil der musikalischen Konstruktion. Gleichzeitig macht genau diese Musik das Stück anstrengend. Sie lässt sich nicht einfach konsumieren. Sie verlangt Aufmerksamkeit.

Die Lüneburger Inszenierung versucht nicht, diese Sperrigkeit künstlich zu glätten. Stattdessen darf die Musik ihre Wirkung entfalten. Das ist besonders dann stark, wenn die Figuren emotional an ihre Grenzen kommen.

Auch der Chor trägt wesentlich dazu bei. Bereits beim Opening zeigt sich, wie gut der Chor einstudiert ist. Einzelne solistische Momente sind nicht immer gleichermaßen überzeugend, in seiner Gesamtheit entwickelt der Chor aber eine große Wirkung. Dass er nicht nur musikalischer Hintergrund bleibt, sondern immer wieder kommentierend in die Handlung eingreift, verstärkt den Eindruck einer Gesellschaft, die das Geschehen beobachtet und gleichzeitig Teil davon ist.

Thomas Borchert: ein Sweeney Todd zwischen Verzweiflung und Verbitterung

Mit Thomas Borchert übernimmt ein Musicaldarsteller die Titelrolle, der seit Jahrzehnten zu den prägenden Künstlern des deutschsprachigen Musicaltheaters gehört.

Optisch wirkt Borchert für die Rolle vielleicht etwas zu alt. Gerade weil Todd ein Mann ist, der nach 15 Jahren Gefangenschaft zu seinem früheren Leben zurückkehrt, entsteht dadurch eine gewisse Distanz zur Figur. Interessanterweise verschwindet diese Distanz in manchen Dialogen fast vollständig. Dann klingt Borchert erstaunlich jung, verzweifelt und verletzlich – und eben nicht wie der verbitterte, berechnende Rächer, als den man ihn sich zunächst vorstellt.

Gesanglich überzeugt er vor allem dort, wo Todd seine ganze innere Zerrissenheit zeigen kann. Bei „Mein Freund“ fehlt seiner Interpretation allerdings stellenweise der nötige Druck. Das starke Vibrato nimmt dem Stück etwas von seiner Intensität.

Auch „Pretty Women“, das Duett mit Richter Turpin, bleibt musikalisch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Beide Stimmen wirken hier zu leise und zu wenig intensiv. Ob daran zumindest teilweise die auch in anderen Inszenierungen schon negativ aufgefallene Tontechnik beteiligt ist, lässt sich aus dem Zuschauerraum schwer beurteilen.

Und trotzdem funktioniert Borcherts Todd. Denn je weiter der Abend voranschreitet, desto deutlicher wird, dass hier kein souveräner Racheengel unterwegs ist, sondern ein Mensch, der sich selbst verliert.

Navina Heyne ist die heimliche emotionale Mitte

Wenn es eine Figur gibt, die den Abend immer wieder menschlich erdet, dann ist es Mrs. Lovett. Navina Heyne gibt ihr eine außergewöhnliche Wärme. Ihre Stimme ist schön, ihre Ausstrahlung liebevoll, und genau das macht diese Figur so interessant. Denn Mrs. Lovett ist keine eindimensionale Komplizin. Sie erkennt Sweeney Todd sofort als Benjamin Barker und verliebt sich gleichzeitig hoffnungslos in ihn.

Dass sie für Todd mehr empfindet als nur geschäftliche Sympathie, wird spätestens in „By the Sea“ deutlich. Heyne legt so viel Wärme in diesen Song, dass man beinahe vergessen könnte, wie makaber die Situation eigentlich ist. Sie träumt von einem gemeinsamen Leben am Meer – während das Publikum längst weiß, dass diese Hoffnung vergeblich ist.

Auch das Zusammenspiel von Heyne und Borchert gehört zu den stärkeren Momenten des Abends. Besonders „Prelat“ gelingt wunderbar. Die beiden begegnen sich hier frech, hemdsärmelig und mit sichtbarer Spielfreude. Der Versuchung, die beiden in dieser Szene einen Walzer tanzen zu lassen, wurde glücklicherweise widerstanden. Musikalisch naheliegt, aber szenisch total unpassend. So bleibt die Szene genau dort, wo sie hingehört: zwischen Komik und Abgründigkeit.

Ein Richter als selbsternannter Sonnenkönig

Steffen Neutze zeichnet Richter Turpin als ausgesprochen unangenehme Figur. Das beginnt bei seinem Auftreten und setzt sich bis ins Kostüm fort. Seine Selbstinszenierung als eine Art Sonnenkönig von London wird beispielsweise durch seine „Barockpumps“ und den Pelzmantel unterstützt.

Noch erschreckender ist die Szene, in der Turpin Lucy beim Maskenball vergewaltigt. Die Inszenierung macht aus diesem Moment keinen beiläufigen Bestandteil der Vorgeschichte, sondern konfrontiert das Publikum unmittelbar mit dem Machtmissbrauch des Richters.

Gerade dadurch wird verständlich, weshalb Todd zunächst als Opfer erscheint. Aber eben nur zunächst. Denn Sweeney Todd überschreitet selbst immer mehr Grenzen. Die Menschen, die auf seinem Rasierstuhl landen, sind längst nicht nur diejenigen, an denen er Rache nehmen wollte. Viele sind schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort.

Die Grenze zwischen Opfer und Täter beginnt zu verschwimmen.

Joana, Tobias und die Sehnsucht nach Freiheit

Lavinia Husmann gibt Joana eine bemerkenswert klare Stimme. Schon körperlich wird ihre Gefangenschaft sichtbar. Wenn sie bei Turpin auf dem Stuhl hockt, erinnert ihre Haltung an eine sich gerade öffnende Dahlie oder Rose. Ein schönes Bild für eine junge Frau, die eigentlich erblühen möchte und doch festgehalten wird.

Husmann macht gleichzeitig deutlich, wie unwohl Joana sich in Turpins Gegenwart fühlt. Ihre Stimme gibt der Figur eine Stärke, die über die reine Funktion als Tochter und Liebende hinausgeht.

Auch Leo Ehmke als Tobias gelingt eine interessante Zeichnung. Sein Tobias wirkt jungenhaft und klar. Dadurch entsteht sofort ein Beschützerinstinkt beim Publikum. Besonders „Not While I’m Around“ funktioniert deshalb emotional sehr gut.

Pirelli, Bamford und die Kunst der Nebenfiguren

Auch die Nebenfiguren profitieren von einer insgesamt sehr genauen Personenregie.

Pirelli darf herrlich überdreht sein. Jürgen Brehm spielt den italienischen Barbier angenehm klischeehaft und mit sichtbarer Spielfreude. Gleichzeitig gelingt es ihm, auch die verschlagene Seite der Figur glaubwürdig zu zeigen. Dadurch wird aus der vermeintlichen Karikatur eine runde Figur.

Büttel Bamford dagegen ist genau so unangenehm, wie er sein muss. Marcus Billen verleiht ihm eine Erscheinung, bei der man schon beim Auftreten lieber Abstand halten möchte.

Und dann ist da Anthony Hope. Andrea Marchetti verfügt über einen wunderbar warmherzigen Tenor und überzeugt an diesem Abend besonders. Seine Stimme bleibt sauber und kontrolliert in den Tönen. Gemeinsam mit Navina Heyne, Lavinia Husmann und Aleksandra Nygaard gehört er für mich zu den gesanglich stärksten Sängern des Abends.

Wenn aus Mord plötzlich Komödie wird

„Sweeney Todd“ ist grausam. Es ist blutig. Und es ist an erstaunlich vielen Stellen komisch. Das ist einer der großen Kunstgriffe Sondheims.

Wenn die Gäste im Pie Shop die Pasteten verspeisen, während das Publikum längst weiß, was darin steckt, entsteht eine makabre Form von Humor. In Lüneburg wird diese Absurdität konsequent ausgespielt. Teilweise vielleicht sogar etwas zu exzessiv: Das Schlecken an den Pasteten wirkt eher wie Eisessen als wie der Versuch, herzhaft hineinzubeißen.

Trotzdem funktioniert der schwarze Humor.

Auch das Blut wird zum wiederkehrenden Bühneneffekt. Über dem Vorhang aus Plastikstreifen im Hintergrund läuft Blut, wenn Sweeney seine Kunden in den Tod schickt. Mit einer anderen Hintergrundgestaltung oder einer stärkeren Projektion hätte sich daraus vermutlich noch mehr herausholen lassen. Aber auch so erschrickt das Publikum jedes Mal aufs Neue.

Und genau darin liegt eine Stärke der Inszenierung: Sie nimmt den Horror ernst, ohne auf den schwarzen Humor zu verzichten.

Eine Drehbühne, ein Rasierstuhl und viel Blut

Das Bühnenbild von Barbara Bloch setzt auf relativ einfache, aber funktionale Lösungen. Die manuell bewegte Drehbühne ist eine pfiffige Idee und funktioniert erstaunlich gut.

Ab dem zweiten Akt bekommt Todds Raum dann auch den Rasierstuhl, den man aus der Geschichte kennt. Die Rutsche hinunter in den Keller ist dabei geschickt integriert und macht den makabren Mechanismus sichtbar.

Überhaupt arbeitet die Inszenierung gern mit dem Konkreten. Sie erklärt die Geschichte nicht über spektakuläre Einfälle, sondern lässt die Figuren und die Musik ihre Wirkung entfalten.

Das passt zu Sondheim. Denn „Sweeney Todd“ braucht eigentlich nicht viel. Ein Rasiermesser reicht.

Das Grauen hinter der Rache

Die vielleicht größte Stärke des Abends liegt darin, dass sich die moralischen Grenzen immer weiter verschieben.

Zu Beginn scheint die Sache klar: Sweeney Todd ist das Opfer, Turpin der Täter. Todd hat allen Grund, Rache zu nehmen. Doch irgendwann wird aus dem Opfer selbst ein Täter.

Mrs. Lovett macht sich zur Komplizin, obwohl sie nicht aus Bosheit handelt. Sie ist verliebt, pragmatisch und will überleben. Tobias versucht, sich gegen die Erwachsenenwelt zu behaupten. Joana möchte schlicht frei sein. Turpin missbraucht seine Macht. Bamford unterstützt ihn. Und Todd verliert sich in seiner Rache.

Wer ist hier eigentlich der Böse? Die Antwort ist unbequem: Es gibt nicht nur einen.

Gerade deshalb funktioniert „Sweeney Todd“ auch heute noch so gut. Das Musical erzählt nicht einfach die Geschichte eines Mannes, der sich an seinem Peiniger rächt. Es erzählt davon, was aus einem Menschen werden kann, wenn er sein gesamtes Leben auf Rache ausrichtet.

Sweeney Todd bekommt keine Erlösung. Und das Publikum bekommt ebenfalls kein Happy End.

Das Theater Lüneburg zeigt einen „Sweeney Todd“, der vor allem von seinem starken Ensemble, einer sorgfältigen Personenregie und der Bereitschaft lebt, Sondheims ungewöhnliche musikalische Sprache nicht zu vereinfachen. Die Inszenierung von Olaf Schmidt bleibt dabei angenehm klassisch und gibt dem Werk Raum, seine Wirkung selbst zu entfalten.

Nicht jeder musikalische Moment überzeugt gleichermaßen. Gerade bei Sweeney Todd und Richter Turpin fehlt es stellenweise an Lautstärke und Intensität. Thomas Borchert wirkt zudem nicht immer wie die naheliegende Besetzung für diesen Todd. Dafür gelingt ihm in den stilleren und verzweifelteren Momenten eine interessante Seite der Figur.

Besonders stark ist Navina Heyne als Mrs. Lovett. Sie macht aus der Pastetenbäckerin keine bloße schrullige Nebenfigur, sondern eine warmherzige, verliebte und zugleich pragmatische Frau. Auch Andrea Marchetti, Lavinia Husmann und Aleksandra Nygaard setzen starke Akzente.

Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl: Unbehagen. Und das ist bei „Sweeney Todd“ vermutlich genau richtig.

Denn Sondheim wollte nie nur eine Geschichte vom bösen Barbier erzählen. Sein Musical zeigt eine Gesellschaft, in der Macht missbraucht wird, in der Menschen zu Opfern werden und in der aus einem Opfer selbst ein Täter werden kann. Die Lüneburger Inszenierung macht diese Ambivalenz sichtbar, ohne sie mit einer eindeutigen Antwort aufzulösen.

Sweeney Todd ist kein Musical über Gut und Böse. Es ist ein Musical darüber, wie schnell aus dem einen das andere werden kann.

Michaela Flint

Theater: Theater Lüneburg
Wiederaufnahme-Premiere: 27. September 2026
Darsteller:
Navina Heyne, Thomas Borchert, Andrea Marchetti, Lavinia Husmann, Aleksandra Nygaard, Steffen Neutze, Jürgen Brehm, Leo Ehmke

Regie / Choreographie: Olaf Schmidt
Fotos: Jochen Quast