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Selbstironie und Authentizität für 1 US Dollar pro Minute!

Update, 19.05.2018

Eigentlich hat sich im Vergleich zur Berliner Uraufführung im vergangenen Jahr nichts geändert: die Besetzung ist dieselbe, die Jokes die gleichen, die Songs bekannt. Einzig Theater und Publikum sind anders als in Berlin. Im Hamburger Schmidtchen warten knapp 150 Gäste gespannt auf Franziska Kuropka, Annika Henz, Dennis Weißert, Alexander Soehnle und das schräge Musical über die Entstehung eines Broadway-Musicals.

Foto: Sven Serkis

Schon am Anfang wird die Marschrichtung klar: Hunter und Jeff laden einfach Freunde ein und nutzen ihr Talent aus, um ihr neues Musical zu schreiben. Die vier Darsteller nehmen sich nicht ernst, das zeigt auch das vor Selbstironie triefende „Zwei Nobodys in New York“. Das Kennenlernen der beiden weiblichen Protagonisten (Susan und Heidi) ist herrlich extrem und die Motivation der beiden Ladies, bei Jeffs und Hunters Projekt mitzumachen, ist erfrischend ungewöhnlich.

Ebenso großartig ist Hunter, der als Jeffs „unbeschriebenes Blatt“ dem Komponisten mit viel Aggressivität, Provokation und Prolligkeit den Spiegel vorhält.

Eine emotionale Weltreise ist einmal mehr „Dabei sein“, in dem die beiden Kreativen ihrem Lebenstraum Ausdruck verleihen, einmal einen Tony Award zu erhalten und in Playbill genannt zu werden. Hier bedienen Dennis Weißert und Alexander Soehnle die komplette Klaviatur von super enthusiastisch bis hin zu zweifelnd depressiv absolut glaubwürdig.

Ein Highlight ist natürlich auch in Hamburg Susans Geschichte von den Vampiren, die einen hin und wieder heimsuchen. Der anschließende Song sorgt nicht nur wegen der angedeuteten Choreographie aus „Tanz der Vampire“ für große Begeisterung beim Publikum.

In den beiden Medleys nach der Pause („Festival Medley“ und „Dran Arbeiten Medley“) hat Regisseur und Übersetzer Robin Kulisch sehr viele Informationen untergebracht, die von den Darstellern sehr souverän über die Rampe gebracht werden. „Ändern / nicht ändern“, das hervorragend die Zweifel und Energien im Schaffensprozess beschreibt, gerät vielleicht etwas lang, doch Heidis Solo „Mädchen von damals“ lässt dies sofort wieder vergessen.

[titel der show] endet mit „Nine People’s Favorite Thing“ und somit nicht nur mit einer sehr schönen Botschaft, sondern auch mit einer sehr schönen Energie.

Dieser kleine, aber sehr feine Blick hinter die Kulissen der Musicalwelt mag für sogenannte Insider spannender sein als für Musicalbesucher, die sonst eher die bunte Welt der Ensuite-Produktionen vorziehen. Aber die ansteckende Begeisterung und Authentizität der Darsteller sowie die phasenweise schamlose Ehrlichkeit und Direktheit der Dialoge und Songtexte sind es, die diesen Abend für jeden Zuschauer zu etwas Besonderem machen.

Michaela Flint


Wer schon immer einmal wissen wollte, wie ein Broadway-Musical entsteht, dem sei [titel der show] von Jeff Bowen und Hunter Bell wärmstens ans Herz gelegt. Im Sommer 2004 beschlossen die beiden übermütig, ein eigenes Musical beim New York City Musical Theater Festival einzureichen. Sie hatten drei Wochen Zeit bis zum Abgabetermin und keine Idee, geschweige denn ein Werk, welches in der Schublade nur darauf wartete, entdeckt zu werden. Voller Enthusiasmus – und sicherlich auch mit einer gehörigen Portion Verzweiflung – machten sie aus der Not eine Tugend und schrieben einfach alles nieder, was sie in den folgenden Wochen erlebten. Der Entstehungsprozess dieses 2006 am Off-Broadway, 2008 am „Great White Way“ und 2013 in London aufgeführten Vier-Personen-Stücks ist so amüsant und ehrlich, dass man sich der Wirkung von [titel der show] nicht entziehen kann.

So erging es auch Robin Kulisch, der dieses Stück schon lange nach Deutschland bringen wollte. 2016 bekam er endlich die Chance und schuf die deutsche Fassung dieser ur-amerikanischen Produktion, die im April 2017 unter seiner Regie im Berliner Admiralspalast uraufgeführt wurde.

[titel der show] ist erfrischend jung und offen. Das spiegelt sich auch in der manchmal sehr deutlichen Sprache wieder. Political correctness? Who cares? Manche Dinge müssen einfach ausgesprochen werden! Da wird dann der PC schon mal als „Drecksscheiß-Commmodore C64“ bezeichnet oder die Office Managerin als Firmenhure.

Schon im ersten Song, der bezeichnenderweise „Song Nummer 1“ heißt, wird deutlich, dass Bell und Bowen mit sehr viel Selbstironie ans Werk gegangen sind. Vielleicht geriet dieses Musical so auch ein Stückweit zur Eigentherapie.

Wer jedoch bei den zahllosen Anspielungen und VIPs mithalten will, mit denen sich die Protagonisten einen Schlagabtausch nach dem anderen liefern, ist gut beraten, sich vor dem Besuch der Show das umfangreiche Glossar im Programmheft durchzulesen. Doch keine Sorge, auch eingefleischte Musicalfans und Fachpublikum müssen nicht wenige der genannten Namen und Produktionen googlen, um auch nur annähernd alle Gleichnisse zu verstehen, derer sich die Autoren im Laufe des Abends bedienen. Besonders viel gibt es bei „Zwei Nobodies in New York“ auf die Ohren, jedoch rauschen Melodie und Text so schnell am Zuschauer vorbei, dass man allein deshalb schon nicht alles mitbekommt.

An Wortwitz und hoher Taktung mangelt es dieser Show wahrlich nicht. Neben Jeff Bowen (Alexander Soehnle) und Hunter Bell (Dennis Weißert), die sich die Bälle in ihrem Kreativprozess nur so zu werfen, lernt das Publikum Susan und Heidi kennen. Susan (Franziska Kuropka) ist eine Schauspielerin, die sich als Office Managerin ihren Lebensunterhalt verdient, da ihr Bühnenleben dafür nicht genug abwirft. Heidi (Annika Henz) hat tatsächlich schon in zwei echten Broadway-Musicals mitgespielt – als „Understudy-Walk-In-Cover-Ensemble“ oder ähnliches – und ist somit die Erfahrenste des Vierergespanns, wenn es um namhafte Engagements geht.

Alle finden mehr und mehr Gefallen daran, Teil von diesem Etwas zu sein. Natürlich läuft der Schaffensprozess nicht ohne Komplikationen ab. Jeffs Besserwisserei (PIN heißt eben nicht PIN-Nummer) treibt Hunter in den Wahnsinn, während Hunter während einer Kreativblockade das ganze Projekt fast zum Scheitern bringt. Von Himmelhochjauchzend und Träumen vom eigen Tony Award bis hin zur Visualisierung des eigenen Scheiterns ist alles dabei.

Die Anspielungen enden im Übrigen nicht bei den Texten, auch die Choreographien (Silvia Varelli) kommen dem geneigten Zuschauer durchaus sehr bekannt vor – allen voran Dennis Callahans bekannte „Tanz der Vampire“-Choreographien, die die vier Darsteller zum besten geben, wenn sie mit „Stirb Vampir, stirb“ versuchen, ihre Dämonen zu beschwören. Doch auch die vielzitierten „Jazz Hands“ sind in der ein oder anderen Szene zu entdecken.

Zum Auftakt des zweiten Akts wird die Weiterentwicklung des Stücks nach der erfolgreichen Premiere beim Musical Theater Festival in mehreren witzigen, atemlosen Medleys nachgezeichnet. Dazu gehört auch, dass die beiden Damen, die sich im ersten Akt eher durch Stutenbissigkeit hervorgetan haben, sich anfreunden.

Doch die Gruppe verliert sich im Streit über die Zukunft des Stücks: Hunter möchte „sein“ Musical unbedingt an den Broadway bringen. Den anderen läuft der Prozess zu zäh („Ändern, nicht ändern“, „Peinlicher Photo-Termin“) und sie wenden sich lieber anderen, vielversprechenderen Jobs zu. Irgendwann eskaliert das Ganze, Hunter flippt aus und die anderen schwelgen in Erinnerungen („Zurück nach damals“). Es stellt sich die Frage, ob man lieber „Nine people’s favorite thing“ sein möchte oder es nicht vielleicht besser wäre, „a 100 people’s ninth favourite thing“ zu sein. Am Ende dieser emotionalen Achterbahnfahrt sind alle bereit für die echte „Broadway-Premiere“.

Ein so pures, nahbares Stück steht und fällt mit der „Anfassbarkeit“ der Künstler. Im Stück taucht die Frage auf: „Wer sagt, ein Klavier und vier Stühle reichen nicht für ein Musical?“ Ganz klare Antwort: Niemand! Zumindest niemand, der sich auf dieses so geradlinige Stück einlässt. Denn die beiden Damen und Herren auf der Bühne hätten besser nicht besetzt werden können. Da braucht es absolut keine weiteren Kulissen und große Szenenbilder.

Dennis Weißert ist als Hunter voller Energie, oft im Kopf unterwegs, kommt mit den schnellen, abwechslungsreichen Songs hervorragend zurecht und gibt einen wunderbaren Kreativpartner von Alexander Soehnle. Dieser gibt den rationaleren , manchmal etwas pessimistischen Komponisten sehr glaubwürdig. Seine Rechnung, dass man den Zuschauern, die 90 US Dollar für eine 90-minütige Show bezahlen, in jeder Minute was richtig Gutes für ihr Geld geben sollte, ist bestechend.

Franziska Kuropka kann ihren rauen Charme und die ihr eigene freche Schnauze als Susan hervorragend einsetzen. Dass sich hinter dieser harten Schale aber auch ein weicher Kern verbirgt, bringt sie ebenso glaubwürdig über die Rampe. Heidi wiederum wirkt nur scheinbar wie etwas Besseres. Annika Henz liefert das beste musicaldarstellerische Gesamtpaket ab und füllt diese Rolle damit perfekt aus.

Nicht vergessen sollte man Damian Omansen, der als mehr oder weniger schweigsamer Pianist Larry zu jeder Zeit Teil des Bühnengeschehens ist.

Was diese Show besonders sehenswert macht, ist der fühlbare Spaß, den die vier Künstler auf der Bühne haben. Sie harmonieren schlichtweg perfekt und lassen die Geschichte von Bell und Bowen dadurch absolut authentisch erscheinen.

Stellt sich die Frage, ob [titel der show] auch ein größeres Publikum abseits der kleinen, eingeschworenen Musicalwelt anspricht. Die unzähligen Bezüge zur amerikanischen Musicalindustrie sind beachtlich. Und auch das Thema – die Entstehung eines Musicals – interessiert vielleicht nicht die breite Masse. Doch jeder, der kurzweilige Unterhaltung und sympathische Charaktere mit hohem Identifikationspotential mag, ist hier goldrichtig. Den Wortwitz der englischen Sprache hat Robin Kulisch mit spitzem Bleistift und viel Sprachgefühl ins Deutsche übertragen, auch wenn er sicherlich an einigen Stellen an seine Grenzen kam („Nine people’s favorite thing“). Dass man sich bei Bowens Kompositionen, die mal swinging, mal jazzig, mal poppig und mal „klassisch“ musicalesque daherkommen, nicht selten beim Mitwippen ertappt, spricht ebenfalls sehr für dieses Musical.

Die Spielzeit in Berlin war kurz, aber eindrücklich. Einmal mehr muss man ausdrücklich bedauern, dass sich in Deutschland keine Off-Szene etablieren konnte, die solchen Stücken Raum bietet. Dem Kreativteam ist sehr zu wünschen, dass [titel der show] schon bald in Hamburg, dem Rhein-Main-Gebiet oder auch Wien auf die Bühne gebracht wird.

Michaela Flint
erschienen in musicals – Das Musicalmagazin

Theater: Admiralspalast, Berlin
Besuchte Vorstellung: 25. April 2017
Darsteller: Franziska Kuropka, Annika Henz, Dennis Weißert, Alexander Soehnle, Damian Omansen
Musik / Regie:  Jeff Bowen / Robin Kulisch
Fotos: Sven Serkis