home 2020, Neu Generationen-Musical mit viel Charme und Wortwitz

Generationen-Musical mit viel Charme und Wortwitz

Das First Stage Theater in Hamburg läutet das neue Jahr mit einer Uraufführung ein. „Zweimal um die Welt – oder wohin will Oma?“ stammt aus der Feder von Hubertus Borck, der von 1995 bis 2007 mit Alexandra Doerk das Comedy-Duo „Bo Doerek“ bildete. Nach der Trennung schrieb er u. a. Drehbücher für deutsche Seifenopern („GZSZ“, „Rote Rosen“) und das Solo-Programm „Itzehoe – Paris“ für Diana Böge, das auch im Schmidts Theater aufgeführt wurde.

Mit beiden Damen gibt es bei „Zweimal um die Welt“, das Borck auch inszeniert, ein Wiedersehen. Diana Böge spielt die Hauptrolle, Oma Martha, während Alexandra Doerk u.a. als Marthas Tochter Ulrike zu erleben ist. Ulrikes Tochter, die aufstrebende Bloggerin Conny, wird von Helen Hefti gegeben. Milad Soltany spielt den Pfleger Djadi, mit dem Oma Martha durchbrennt, und Kira Hehlemann ist Klappergabi, die vielen Jungs den Kopf verdreht. Als herrlich schräge Leiterin des Seniorenheims, Roswitha, ist Fynn Duer-Koch zu erleben. Deliah Stuker, Till Jochheim, Melanie Kastaun und Tim Taucher (u. a. Steward) komplettieren das Premierenensemble.

Das Stück beginnt im Seniorenheim, genauer gesagt bei der Gedenkfeier für Frau Carstensen. Marlies Carstensen war Martha Kramers beste Freundin und letzter Halt. Ansonsten kann sie nämlich mit den Bewohnern im Seniorenheim so gar nichts anfangen und ihre stets gestresste Tochter Ulrike vermag ihr auch kein besseres Gefühl zu geben.

Ulrike hat als Redaktionsleiterin der Frauenzeitschrift Cosma mit sinkender Auflage und aufstrebenden jungen Kolleginnen zu kämpfen. Ganz nebenbei ist sie noch Dauersingle, was ihr viel Spott und Mitleid von ihrem Umfeld einbringt. Dann ist da noch Tochter Conny, die ihre Zukunft im Blogging sieht, was ihrer Mutter so gar nicht passen will.

Als die resolute Heimleiterin Roswitha dann noch den jungen Syrer Djadi als neuen Pfleger einstellt, platzt nicht nur Ulrike der Kragen, auch Martha nimmt im wahrsten Sinn Reißaus, packt eine Tasche, schnappt sich die Urne mit Marlies und flieht mit dem Leichenwagen. Wohin? Das weiß sie selbst nicht so genau – Hauptsache weg. Ab da wird’s turbulent…

Schon in der ersten Gesangsnummer („Einmal um die Welt“) zeigt sich die Kreativität, mit der diese Inszenierung auf die Bühne gebracht wurde: Die rüstigen Rentner schwimmen zunächst am Tisch sitzend, um dann wenige Sekunden später steppend und mit Ficus-Zweigen als Straßenfederfächer-Ersatz über die Bühne zu wirbeln.

Die Choreographien stammen von Michael Schüler und überzeugen im Verlaufe der Show insbesondere bei den abwechslungsreichen “Arm-Choreographien“. Man muss nicht tanzen können, um mit einfallsreichen Bewegungsabfolgen zu überzeugen!

In Ulrikes Redaktionssitzung geht es eigentlich nur um eines… Jede der Redakteurinnen hat ihre Probleme mit Männern. Dem wird mit einem Medley Rechnung getragen: Die eine „will ‚nen Cowboy als Mann“, eine andere hat „Lampenfieber“, die nächste träumt von „Monte Carlo“. Der Wiedererkennungswert der Schlager-Hits für die Zuschauer ist sehr hoch.

Der Besuch von Ulrike und Conny bei Oma Martha artet mal wieder in Streit aus: Conny erzählt Oma, dass sie Influencerin werden möchte, woraufhin Oma verständnislos fragt: „Wieso das denn? Da werden wir hier alle Ende Oktober immer gegen geimpft!“

Von diesen und ähnlich lustigen Sprüchen hat Borck zahlreiche in das Buch eingebaut.

Dazu gehört auch der klare Internetbezug von „Am Tag als Konny Kramer starb“, das von Conny melodramatisch ausgelebt wird als ihre Mutter es wagt, ihr das Handy wegzunehmen.

Ulrike hält mit ihren Vorbehalten gegenüber Djadi als neuem Pfleger nicht hinter dem Berg. Hier integriert Borck auf plakative Weise zeitgenössisches Geschehen in die Handlung. Vorbehalte haben viele, wirklich interessiert sich aber niemand für die Menschen, die zu uns kommen. Wie soll da jemals Verständnis und Vertrauen entstehen?

Doch Djadi ist der einzige, der Marthas Flucht bemerkt und ihr fortan nicht mehr von der Seite weicht. Sie landen in Baldhausen, einem Dorf im Osten des Landes, das alle gängigen Klischees erfüllt, für die der Osten gerade herhalten muss: keine Infrastruktur, keine Perspektive, viele Neonazis und eine Bürgermeisterin namens Ellen Weigel, deren Zwillingsschwester Alice die Vorsitzende der AfD ist.

Dass die drei Skinheads Heinos „Schwarz-braun ist die Haselnuss“ versingen und verstampfen, ist durchaus provokant und grenzwertig. Irgendwie mag man das nicht so richtig amüsant finden, auch wenn Borck mit der „Glatzenorgel“ (man klopfe mit einem leeren Rohr auf die Köpfe der Skinheads, um eine entsprechende Tonfolge zu erzeugen) und dem „Gedankenstolperpfad“, den eine plötzlich komplett ausrastende Martha bei den Jungs identifiziert, versucht dagegen zu steuern. Martha vertreibt die Neonazis erfolgreich und verbringt die Nacht zwangsweise unter freiem Himmel. Das imaginäre Zwiegespräch mit ihrer aktuell mit allem unzufriedenen Tochter Ulrike ist sehr schön.

In Wirklichkeit macht Ulrike gerade dem Heim Feuer unter dem Hintern: „Jeder verdammte Golden Retriever ist gechipt! Können Sie nicht besser aufpassen?“ Bitterböse, aber irgendwie doch eine nachvollziehbare Reaktion?!

Es folgen zwei etwas skurrile Szenen:

Zunächst stranden drei aufreizende Russinnen aufgrund einer Reifenpanne in Baldhausen, was den Skinheads natürlich sehr gut gefällt. Sie wittern ihre Chance auf Körperkontakt mit einem weiblichen Wesen. „Moskau, Moskau“ darf hier natürlich nicht fehlen, auch wenn die dazugehörende Tanzfolge etwas sehr unkoordiniert wirkt.

Hier tritt dann auch Klappergabi zum ersten Mal wirklich in Erscheinung, die „irgendwie“ mit einem der Skinheads liiert zu sein scheint und die offensive Anmachtaktik der Russinnen so gar nicht gutheißt. Warum Klappergabi? Logisch, weil Gabi immer auf einem klappernden Fahrrad durchs Dorf fährt.

Doch genau dieses Fahrrad stiehlt Martha und flieht in den Baldhausener Hafen, von wo sie und Djadi auf die Ostsee hinausfahren.

Hier folgt (zum Auftakt des zweiten Akts) die zweite etwas deplatzierte Szene: Drei Meerjungfrauen lamentieren (einmal mehr mit einer tadellosen Armchoreographie) über ihr langweiliges Leben und schmettern „Ein Schiff wird kommen“ über die hübsch drapierten Wellen (Bühne: Felix Wienbürger). Nebenbei wird dann noch der Klimawandel thematisiert und deutliche Kreuzfahrtschiff-Kritik geäußert. Dazu tauchen dann auch noch drei Meermänner mit stilechtem Dreizack als Chor hinter einer Welle auf, was für viele Lacher sorgt.

Oma Martha und Djadi tuckern mit dem obligatorischen „Knallroten Gummiboot“ über die Ostsee, bis sie plötzlich entdecken, dass auch Klappergabi mit an Bord ist. Djadi ist das alles gar nicht recht, aber Klappergabi und er kommen sich näher, was von Martha mit „Kribbeln im Bauch“ wunderschön ausgemalt wird.

Da Martha und Djadi schon überall gesucht werden, bleibt nur die Flucht ins Ausland. Mithilfe von Gabis früherem Schulkameraden Steward, der praktischerweise als Steward für eine Fluglinie arbeitet, wollen sie nach Mallorca fliehen.

Mit Perücke und Sonnenbrille wird Martha am Flughafen für Katja Epstein bzw. Andrea Berg gehalten, was ihr sehr viel Spaß macht. Fast werden sie von Ulrike entdeckt, die ebenfalls am Flughafen ist, weil ihr Chef sie nach München zitiert hat.

Am Flughafen Hamburg verspäten sich alle Flüge aufgrund eines Unwetters und es folgt ein umfangreiches „Spanien-Medley“, bei dem zwar das Tango-Talent eher mäßig ist, aber die Klatsch-Choreographie hervorragend. In diesem Rahmen gibt Djadi auch „Ich bin wie Du“ in einem sehr ungewöhnlichen arabischen Arrangement zum Besten.

Viele Schlager erkennt man zwar anhand der Refrains wieder, doch Markus Voigt hat diverse Songs so umfangreich neu arrangiert, dass sie teilweise fremd wirken. Das beste Beispiel hierfür ist „Über den Wolken“, was in dieser Version sicherlich kein Hit geworden wäre. Auch „Glaub mir, ich liebe das Leben“ klingt eher ungewöhnlich. Ulrike versucht, sich hiermit Mut zuzusprechen, nachdem ihr am Telefon mitgeteilt wurde, dass sie die „Cosma“ nicht mehr leiten wird, sondern sich mit „Backen & Stricken“ befassen darf.

Martha gibt sich ihrer Tochter, die der vermeintlich Wildfremden ihr Herz ausschüttet, zu erkennen. Sie versöhnen sich und gehen gemeinsam auf Weltreise.

Es folgt ein Zeitsprung: Inzwischen ist Ulrike Bewohnerin des Heims, in dem sie damals Martha untergebracht hat. Dies wird nun von Djadi und Gabi geführt und Rosi Rollator kümmert sich als Seniorenroboter um die Unterhaltung der Bewohner.

Zum Abschluss erinnern sich Ulrike und Conny an Oma Martha und singen gemeinsam mit deren jungen Ich „Einmal um die Welt“. Dieses Terzett klingt wunderschön und bildet einen würdigen Abschluss für diese Schlagerkomödie.

„Zweimal um die Welt“ besticht durch viel Wortwitz und sehr sympathische Charaktere. Auch das Umtexten und Anpassen einiger Songs ist sehr gelungen.

Insbesondere Diana Böge ist gesanglich und schauspielerisch herausragend. Sie hat eine einmalige Stimmfarbe, die perfekt zu ihren Songs passt. Die überspannte Ulrike sowie Tascha, die zielstrebige Russin, werden von Alexandra Doerk mit viel komödiantischem Talent gespielt. Auch sie kommt mit den Schlagern sehr gut zurecht. Es macht Spaß ihr beim Kreieren der Rollen zuzuschauen. Böge und Doerk harmonieren auch als Mutter und Tochter in Duetten und Streitgesprächen gleichermaßen.

Die Besetzung dieser Show kann man als Glücksgriff bezeichnen. Dabei fällt auf, dass keine Studierenden der Stage School dabei sind, dafür aber Vollprofis wie Böge und Doerk und viele Absolventen der Stage School. Auch Milad Soltany und Kira Hehlemann spielen beide ebenfalls sehr sympathisch. Fynn Duer-Koch hat als Heimleiterin eine sehr dankbare Rolle, die er mit viel Talent ausfüllt. Auch Tim Taucher setzt als Steward sehr amüsante Highlights.

Diese Uraufführung beweist einmal mehr, dass es in Deutschland zahlreiche Autoren gibt, die unterhaltsame, kurzweile Musicals schreiben können. Davon möchte man mehr sehen, und das First Stage Theater ist der perfekte Ort, um diese Shows zu zeigen.

Michaela Flint
gekürzt erschienen in musicals – Das Musicalmagazin

Theater: First Stage Theater, Hamburg
Premiere: 20. Januar 2020
Darsteller: Diana Böge, Alexandra Doerk, Milad Soltany, Kiry Hehlemann, Fynn Duer-Koch, Tim Taucher
Regie / Arrangements: Hubertus Borck / Markus Voigt
Fotos: First Stage / Mundkowski