Pool Fast auf den Tag 17 Jahre nach der Deutschlandpremiere von „Tarzan“ wird die Neue Flora (endlich) wieder von Gorillas bevölkert. Grün steht dem Haus außen wie innen hervorragend!
Die zuvor in Stuttgart gezeigte Inszenierung hat sich auf den ersten Blick verändert: Auf der Bühne wird statt der üppigen Dschungel-Fransen jetzt mit Tourtauglichen Kulissen aus Hartfaser gearbeitet. Dazu wird die Bühne durch gekonnt verkleidete Treppenaufgänge in den Saal verlängert. Der Schiffsuntergang von Tarzans Eltern, das Zelt der Forschertruppe, der Wasserlauf, die hereinschwebenden Insekten und natürlich die farbenprächtige Flora im afrikanischen Dschungel sorgen für ein harmonisches Gesamtbild. Das Publikum sitzt gefühlt mitten im Geschehen.
Die Kostüme der 17 Darstellenden bestechen durch Farbe, Fluoreszenz und Kreativität. In der Show gibt es 80 (1) unterschiedliche Kostümdesigns. Die Affenkostüme wurden aus einem speziellen Lycramaterial in 21 verschiedenen Farbtönen und 4 verschiedenen Schwarzabstufungen gefertigt. An jedes Affenkostüm werden ca. 20.000 handgefertigte Fransen angebracht. Für die Show wurden zudem über 150 Perücken angefertigt. Das Knüpfen einer regulären Perücke dauert ca. 40 Arbeitsstunden. Diese Liebe zum Detail sieht man gerade bei „Tarzan“ besonders deutlich, da man den Künstlern durchaus mitunter sehr nah ist.
Man bekommt recht schnell mit, dass viele im Saal „Tarzan“-erfahren sind: Viele Köpfe wenden sich an den entsprechenden Stellen gen Decke. Die Zuschauer wissen, dass bei „Tarzan“ auch einiges über den Köpfen passiert. Noch bevor Alexander Klaws, dessen Name wie kein Zweiter für „Tarzan“ steht, sich das erste Mal durch die neue Flora schwingt, johlt das Publikum.
Dass die (ausgewählten) Auftritte in seiner Paraderolle nicht nur unglaublich anstrengend sind – er ist halt auch keine 25 mehr – sondern, ihm richtig viel Spaß machen, sieht man am verschmitzten Lächeln, wenn er sich angurtet. Dass diese Show in diesem Theater für ihn einen besonderen Stellenwert hat, bestätigt er auch im Gespräch: „Gerade die Neue Flora trägt Erinnerungen in jedem Winkel – vom Foyer bis zur Bühne. Es fühlt sich so an, als wäre ich nie weg gewesen. Dieser Ort ist für mich ein Zuhause. Dass sich der Kreis nun wieder schließt, ist surreal und zugleich einfach schön.“
„Tarzan“ ist für alle Darstellenden herausfordernd, umso beeindruckender sind die atemberaubenden Stunt- und Bungee-Choreographien, mit denen vor allem die Gorilla-Sippe begeistert. Gianluca Passeri hat Sergio Trujllos Original-Choreos perfekt mit den 17 Künstlern einstudiert. Eine wirkliche Freude! Marcel Landgrebe hat die Modernisierung der Show mit viel Gespür für die Figuren umgesetzt: Janes Vater wurde kurzerhand „gestrichen“ und Jane ist erwachsen geworden. Das steht der Handlung gut zu Gesicht. Eine mutige junge Forscherin ist eine viel glaubwürdigere Partnerin für Tarzan als das überdrehte englische Töchterchen aus früheren Inszenierungen. Abla Alaoui überzeugt als selbstbewusste Botanik-Liebhaberin durch Charme, Witz und eine sehr sympathische Ausstrahlung. Von Clayton (von Luciano Mercoli rollendeckend schön böse und auf den eigenen Vorteil bedacht gespielt) lässt sich diese Jane nicht einschüchtern. Auch die fleischfressende Pflanze oder die Gorilla-Sippe machen ihr keine Angst… Beides weckt nur ihren Forschergeist.
Dániel Rákász gibt einen sehr gefühlvollen Kerchak, der seine Familie zwar über alles stellt, aber dennoch auch zulässt, dass man hinter die herrische Fassade guckt. Eine sehr angenehme „Wandlung“ dieses Charakters. Kerry Jean ist eine liebevolle Mutter für Tarzan und eine Partnerin auf Augenhöhe für den Silberrücken Kerchak. Sie singt mit viel Gefühl und lässt erahnen, zu was sie stimmlich in der Lage ist (Tina im gleichnamigen Musical in Hamburg, Waris Dirie in „Die Wüstenblume“). Den Klassenclown, guten Kumpel, großen Bruder und Dschungel-Entertainer Terk gibt Elindo Avastia. Er hat sicherlich eine sehr dankbare Rolle, aber die muss man auch erstmal ausfüllen. Und das macht er! Die punktuell modernisierten Texte helfen, eine direktere Bindung zu den Zuschauern aufzubauen. Wenn er und die Sippe das Forscher-Camp auseinandernehmen, hat man automatisch gute Laune!
Bleibt noch Alexander Klaws… Was soll ich sagen? Der reifere Tarzan steht der Show sehr gut zu Gesicht. Tarzan ist ein Dschungel-Mann, kein Junge, und dafür ist Klaws einfach die Idealbesetzung. Auch gesanglich lässt er es an nichts vermissen, auch wenn das Echo durch einen seinen Gesang verstärkenden zweiten Sänger u.a. bei „Ich will es so“ etwas irritierend ist.
„Tarzan“ ist eine wunderbare Familien-Show, die zeigt, wie wichtig familiärer Zusammenhalt, Freundschaft und Liebe sind. Genau so etwas braucht es in den aktuell sehr bewegten Zeiten.
Michaela Flint
Theater: Stage Theater Neue Flora, Hamburg
Premiere: 20. November 2025
Darsteller: Alexander Klaws, Abla Alaoui, Kerry Jean, Dániel Rákász, Elindo Avastia, Luciano Mercoli
Regie / Musik: Bob Crowley / Phil Collins
Fotos: Johan Persson