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Berührendes & unerwartetes Zeitgeschehen

Mit „The Last Ship“ verarbeitete Sting, der als Sohn einen Schiffsbauingenieurs aufwuchs, Teile seiner Vergangenheit. Die Werft, der die meisten Menschen im Ort ihren Job verdanken, wird verkauft und geschlossen. Die Auswirkungungen dieser rein wirtschaftlichen Entscheidung des Werft-Besitzers sind weitreichend und – nicht nur für ihn – unerwartet. So geschehen in Wallsend Ende der 1980er Jahre.

Das Publikum lernt das junge Paar Meg und Gideon kennen, die sich – allen beruflichen und infrastrukturellen Herausforderungen zum Trotz – schwören, immer zusammenzubleiben. Tina Haas und Heiner Kock verleihen den Verliebten wundervolle Stimmen und tanzen zu sehr harmonischen Choreographien (Daniel Morales Pérez) in den Aufbruch. Doch wie so oft kommt es anders und Gideon verlässt Wallsend.

Nach 14 Jahren kehrt ein heim. Zu „All this time“ und dem melancholisch erklingenden Akkordeon kehrt er in seine Heimat zurück, die er kaum wiedererkennt: Die Werft steht zum Verkauf und die verbliebenen Werftarbeiter bangen um ihre Jobs. Jackie White (von Andreas Hutzel sehr eindrücklich gespielt) ist der Anführer der Werftarbeiter, alle folgen ihm in den Widerstand gegen den Eigentümer, auch wenn dies den Verlust der eigenen Existenz bedeutet.

Gideon (Johannes Merz) trifft auch auf Meg (Vasiliki Roussi), inzwischen selbst Mutter der rebellischen Ellen (Lilly Gropper), die sich nicht im geringsten darüber freut, ihre Jugendliebe wiederzutreffen. Sie hat sich in ihrem Leben eingerichtet und kämpft sich als Inhaberin des lokalen Pubs durch. Man spürt die Spannungen zwischen den beiden, es sind noch Gefühle füreinander vorhanden, doch werden diese gerade durch die Verletztheit überlagert. Dies können Merz und Roussi nicht nur spielerisch sehr glaubwürdig über die Rampe bringen. Auch gesanglich wissen beide zu überzeugen: Merz durch seine Klangfarbe, Roussi durch ihre Fähigkeit, ihrer Stimme unfassbar viel Gefühl zu verleihen.

Ellen lehnt sich ebenfalls gegen alles un jeden auf. Sie will nach London, um als Musikerin erfolgreich zu werden, doch Meg untersagt dies. Durch das Auftauchen von Gideon wird in Wallsend einiges durcheinander gewirbelt und Ellen bleibt zunächst bei ihrer Mutter.

Vordergründig mag es so erscheinen, als würde es in diesem Stück um die verlorene Liebe von Meg und Gideon gehen. Tatsächlich jedoch zeichnet dieses alles andere als romantisch-fröhliche Musical sehr realitätsnah das Schicksal einer Stadt nach, deren Bevölkerung vom einer Industrie, in diesem Fall Schiffsbau, abhängig ist. Jeder einzelne Charakter hat seinen starken Moment, jeder einzelne glänzt in der betreffenden Szene durch Gesang, Schauspiel oder Tanz.

So berührt zum Beispiel eine Susanne Höhne als Peggy White tief, wenn sie sich um ihren lebensbeendend erkrankten Jackie kümmert und nach seinem Tod die Arbeiter an dessen Vermächtnis erinnert („Underground River“). Hier gibt es mehrfach Zwischenapplaus vom ergriffenen Publikum. Auch wenn Davey Harrison (gespielt von Patrick Nellessen) sich gegen die Pläne ausspricht, das letzte Schiff fertigzustellen und damit einfach in See zu stechen, zeigt die besondere Intensität dieses Stücks. Die klare Sprache macht es den Zuschauern nur umso leichter, sich mit den Figuren auf der Bühne zu identifizieren.

Doch nicht nur die puren Charaktere, auch die düstere Bühne, die an einen Werftaufbau erinnert, ist sehr gelungen. Ramona Rauchbach hat hier eine Umgebung geschaffen, die vortrefflich an die dunklen Werften erinnert, die man von Bildern vom industriellen Schiffbau – nicht nur in Großbritannien – kennt.

Morales Pérez Gespür für den Moment zeigt sich auch in weiteren Choreographien die mal energisch sind, mal sehr romantisch („When we dance“). Ein ganz klares Highlight dieser Inszenierung.

„The Last Ship“ ist ein durch und durch besonderes Musical. Das liegt zum einen sicherlich an der autobiographisch geprägten Handlung, zu einem großen Teil aber auch an Stings unnachahmlicher Art, Songs zu schreiben. Die Melancholie zieht sich wie ein schwarzer Faden durch den Abend, doch Dudelsack & Geige sorgen hier immer wieder für einen hell erstrahlenden Twist. Man kann sich an diesem Musik niemals satthören – zumal, wenn man sich erst einmal die Geschichte dahinter genauer angesehen hat!

Für die Theatergäste gab es am 27. März noch ein ganz besonderes Finale: Sting hatte auf seiner Deutschlandtour einen Abstecher von Mannheim nach Lübeck gemacht (liegt ja quasi um die Ecke), um sich sein selten gespieltes Stück live anzuschauen. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, auch selbst noch einmal nach der Gitarre zu greifen. Man konnte in diesem Moment eine Stecknadel im Theater fallen hören, so andächtig lauschten die gut 800 Zuschauer dem Weltstar.

 

Und auch wenn der von ihm gewählte Song „Russians“ schon viele Jahrzehnte alt ist, so hat er doch im aktuellen Kontext vom Einmarsch Russlands in die Ukraine nichts an Bedeutung verloren. Das ist wahrlich ein Theaterabend, den man nicht vergisst!

Michaela Flint

Theater: Theater Lübeck, Lübeck
Besuchte Vorstellung: 27. März 2022
Darsteller: Lilly Gropper, Vasiliki Roussi, Johannes Merz, Tina Haas, Heiner Kock, Stephan Schad, Andreas Hutzel, Susanne Höhne, Katharina Abt, Patrick Nellesse, Vincenz Türpe, Henning Sembritzki, Sven Simon
Regie / Musik: Malte C. Lachmann / Sting
Fotos: Thorsten Wulff