home 2021, Neu Überzeugende Protagonisten in einem gelungenen Gesamtkonzept

Überzeugende Protagonisten in einem gelungenen Gesamtkonzept

Das First Stage Theater hat sich nach „Carrie“ erneut Verstärkung ans Haus geholt und ergänzt ihr Ensemble durch Femke Soetenga (Vi Moore), Riccardo Greco (Ren McCormack), und Florian Soyka (Reverend Shaw Moore). Alternierend stehen Kaatje Dierks (Vi Moore) und Marius Bingel (Ren McCormack) auf der Bühne.

Dieses Vorgehen hat Vor- und Nachteile… Natürlich ziehen bekannte Namen mehr Zuschauer an, vielleicht motivieren sie die Studierenden sogar und sie können von ihren erfahrenen Kolleginnen und Kollegen etwas lernen, doch auf der anderen Seite haben die Absolventen so nicht die Möglichkeit sich in einer tragenden Rolle zu beweisen und zu lernen, wie man eine Hauptrolle angeht.

Doch das, was das Publikum an diesem Abend zu sehen bekommt, ist Musiktheater aus einem Guss! Es stimmt einfach alles: Licht, Ton und vor allem die Bühne, die in den letzten Monaten aufwändig umgebaut wurde, begeistern vom ersten Moment an. Der Schwarzlichttunnel mit Graffitis, durch den das Publikum den Saal betritt, der Sound der vorbeirauschenden Chicagoer U-Bahn, die Stahlbrücke, die schmucklosen Backsteinwände – das gesamte Erscheinungsbild ist perfekt. Allein schon für das Set Design und das Licht kann man Felix Wienbürger und Felix Löwy gratulieren.

Dazu stehen eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn Darsteller auf der Bühne. Warum? Damit die Zuschauer, die aufgrund der Einlassregeln als erste und somit sehr früh Platz nehmen müssen, bereits unterhalten werden. Diese Darsteller sind es auch, die zu Showbeginn unmissverständlich auf die durchgehend zu tragende medizinische Maske hinweisen.

Schon beim Eröffnungssong zeigt sich die Energie des Ensembles. Die flotte Oma, die zu „Footloose“ leicht kantig ihre Hüften schwingt, ist großartig! Nebenbei wird eingeflochten, dass Ren mit seiner Mutter in das Kaff Bomont ziehen muss, da sie sich das Leben in Chicago, nachdem ihr Mann sie verlassen hat, nicht mehr leisten kann. Im sprichwörtlichen Handumdrehen findet sich das Publikum im sonntäglichen Gottesdienst von Reverend Moore wieder, wo sofort klar wird, dass der musik- und tanzliebende Ren hier überhaupt nicht hin passt.

Florian Soyka hat eine wundervolle Stimme, mit der er dem in Bomont tonangebenden Reverend sowohl Autorität verleiht als auch Verletzlichkeit („Hör nur einmal auf Dein Herz“). Vi, seine Gattin, ist zwischen Verständnis für ihren trauernden Mann, eigener Aufopferung für die guten Absichten des Reverends und der Liebe zu ihrer pubertierenden Tochter Ariel hin- und hergerissen. Femke Soetenga lässt als Vi Moore immer wieder durchblitzen, dass sie die Meinung ihres Gatten nicht immer teilt, ihn aber nahezu bedingungslos unterstützt (ganz wundervoll im Duett mit Rens Mutter Ethel (Juliane Elisabeth Neu) „Lieber will ich schweigen“). Auch ihr Solo „Hör nur einmal auf Dein Herz“ quillt an Wärme und Liebe nur so über. Dabei ist es nicht leicht, immer wieder zwischen Vater und Tochter zu vermitteln, ohne selbst unter die Räder zu kommen.

Das gar nicht so brave Pfarrerstöchtern Ariel wird von Faye Bollheimer mit viel Eigensinn und ansteckender Energie gespielt. Ariel hat es faustdick hinter den Ohren und heckt gemeinsam mit ihren Freundinnen Rusty (Lena-Sophie Pudenz), Urleen (Anna Luca Faradi) und Wendy Jo (Charlotte Elisabeth Schramm) ziemlich viel Blödsinn aus. Zudem ist sie auch noch mit dem stadtbekannten Rowdy Chuck (Luka Maksim Klais) zusammen. „Die Kleine ist heiß“ wird durch eine sehr offensiv-körperliche Choreographie unterstrichen. Wenn der Papa das wüsste…

Die Mädels sind es auch, die Ren mit „Jemand schaut zu“ aufklären, dass in Bomont nichts unbeobachtet bleibt. Das Timing der vier Darstellerinnen in dieser Szene ist perfekt. Und Grecos Mimik spricht Bände! Diese Szene ist nur ein Beispiel dafür, dass Regisseur Felix Löwy „Footloose“ schön frech und natürlich inszeniert hat. Die Künstler auf der Bühne wirken alle nahbar und ihre Handlungen nachvollziehbar.

Ariel spürt, dass Ren sich mit dem geltenden Tanzverbot nicht abfinden möchte. Sie ist von dem unangepassten Großstädter fasziniert. Im Rollschuh-Café provoziert sie ihn zu „Holding out for a hero“ schon arg. Dass es zwischen den beiden funkt, bleibt nicht unbemerkt und macht Chuck eifersüchtig, was dazu führt, dass Ren Ariel vor ihrem Freund beschützen muss.

„Holding out for a hero“ ist die aufwändigste Szene im Stück: Rasante 1980er Jahre Choreographien (verantwortlich: Phil Kempster), schnelle Kostümwechsel, farbenfrohe Lichtstimmungen – all dies macht richtig Spaß. Warum jedoch (mit patriotisch gefärbten Leuchtstangen tanzende) US-Soldaten die so dringend benötigten Helden darstellen, die von Mädels in äußerst knappen ebenfalls blau-weiß-roten Badeanzügen angehimmelt werden und dann auch noch Captain America in voller Montur tanzend sich plötzlich gegen eben jene Soldaten erwehrt, erschließt sich nicht. Schwungvoll und unterhaltsam ist diese Szene aber dennoch.

Die anschließende Sportstunde ist optisch nicht weniger kitschig. Knappe Sportshorts bei den Herren und noch knappere Aerobic-Anzüge bei den Damen wecken Erinnerungen an höchst fragwürdige Sportmode. Nicht zu vergessen die Stulpen!

Ren motiviert die Schüler, für ihre Wünsche einzustehen. Sie wollen einen Abschlussball feiern – mit allem was dazu gehört! Dazu werden Flugblätter verteilt (die im Saal von oben auf die Köpfe der Zuschauer herunter regnen) und Ren auserkoren, mit dem Reverend zu sprechen.

Diese Konfrontation zwischen Ren und Shaw („Befreit“) ist sehr gut inszeniert. Die Chemie zwischen Greco und Soyka stimmt, die Choreographien sind passend zum Thema „Wer die Angst besiegt“. Erfolg hat Ren mit seinem leicht naiv wirkenden Plädoyer jedoch nicht.

Frustriert schleichen sich die Jugendlichen davon, um im Nachbardorf tanzen zu gehen. Dort stehen Country und Line-Dance auf dem Programm. Kempster hat die Tänze vielseitig in Szene gesetzt, viel Lebensfreude und positive Vibes fließen dem Publikum entgegen.

Willard (Aliosha Jorge Ungur) und Rusty (Pudenz) werden von Ren und Ariel in die richtige Richtung geschupst. Denn dass die beiden ein süßes Paar abgeben würden, sieht jeder! Willard entdeckt an diesem Abend sein tänzerisches Können, was von Rusty mit einem schauspielerisch und gesanglich sehr gelungenen „Let’s hear it for the boy“ gefeiert wird.

Doch der Abend endet nicht so fröhlich, wie er begann. Ariel wird von ihrem enttäuschten und überforderten Vater geohrfeigt. Vergeblich versucht Vi einmal mehr zu vermitteln. Soetenga und Soyka geben ein sehr glaubwürdiges, in tiefer Liebe verbundenes Paar ab, das sich nach dem Tod des Sohnes zwar auseinandergelebt hat, aber langsam wieder entdeckt, was es aneinander hat.

Ariel verschwindet von zuhause, wird von Chuck aufgegriffen und ziemlich unsanft gemaßregelt. Sie trifft auf ihre Freunde, die gerade Pläne für die anstehende Stadtratssitzung schmieden. Willard lässt alle  ausführlichst daran teilhaben, was seine „Mama sagt“. Ungur zeigt hier ein untrügliches Gespür für Komik, gepaart mit seiner unerwartet souligen Stimme eine unnachahmliche Mischung.

Ren ist von dieser (zugegebenermaßen etwas langatmigen) Litanei irritiert und leicht genervt. Grecos Ausdruck ist unbezahlbar! Auch wenn es phasenweise ein wenig ungewöhnlich erscheint, dass Ren eher der nette Junge von nebenan anstatt des aus dem Film bekannten Aufrührers ist, passt dies sehr gut und Greco wirkt in seinen zu großen Karottenjeans und schlechtsitzenden Lederjacken nur um so authentischer. Mit diesem Mehr an Empathie erreicht er die Zuschauer spielend.

In der folgenden Szene gestehen sich Ren und Ariel ihre Liebe. „Wunderland“ wird von Greco und Bollheimer schnörkellos und warmherzig intoniert, ihre Stimmen harmonieren insbesondere in den tiefen Lagen ganz wunderbar. Man wünscht den beiden ein großes Haus mit 1500 Zuschauern, die ihnen sicherlich genauso andächtig lauschen wie die Corona-bedingt sehr wenigen Gäste an diesem Abend.

Die Stadtratssitzung gerät zur Farce, was den Jugendlichen natürlich überhaupt nicht gefällt und bei Vi den Geduldsfaden reißen lässt. Doch alle Fürsprache nützt nichts, der Stadtrat lehnt den geplanten Abschlussball ab.

Rens Mutter klärt ihren Sohn jedoch dahingehend auf, dass der Reverend die Abstimmung im Vorfeld schon mit den anderen Stadträten besprochen und ihn so hintergangen hat. Die Kids hatten trotz der besten Vorbereitung inkl. Bibelzitate keine Chance auf eine faire Verhandlung.

Ren nimmt all seinen Mut zusammen und geht zum Reverend in die Kirche. Diesmal hat er die besseren Argumente und Shaw hat ein Einsehen. Was die Gemeinde am nächsten Morgen hört, ist die Predigt eines geläuterten Vaters, der den Tanzabend „mit Gottes Hilfe“ erlaubt. Einmal mehr glänzt Soyka in dieser Szene mit seiner warmen Stimme.

Mit dem Finale zu „Footloose“ wird dann ein Feuerwerk an Choreographien und guter Laune abgebrannt. Die Kids tanzen sich die Seele aus dem Leib, all die aufgestaute Energie bricht sich bahn. Aber auch die älteren Semester – allen voran das Ehepaar Moore – schwingt eifrig das Tanzbein. Boris Netsvetaev und die tadellos aufspielende Band tragen hierzu einen nicht unerheblichen Teil bei.

Die Zugabe ist fröhlich und versprüht Zuversicht und Optimismus pur. Das ist genau das, was die Menschen jetzt brauchen! Nicht nur in der Handlung des Stücks, sondern auch auf den Zuschauerplätzen und ehrlicherweise überall auf der Welt!

„Footloose“ im First Stage Theater ist ein rundum gelungenes Stück, da alle Künstler vor, auf und hinter der Bühne ihr Handwerk verstehen.

Michaela Flint
gekürzt erschienen in musicals – Das Musicalmagazin

Theater: First Stage Theater, Hamburg
Besuchte Vorstellung: 13. August 2021
Darsteller: Studierende der Stage School, Femke Soetenga, Riccardo Greco
, Florian Soyka
Musik / Bühne: Felix Löwy / Felix Wienbürger
Fotos: First Stage / Mundkowski