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Ohne Elsas Eispalast nicht der Rede wert

Ursprünglich war „Die Eiskönigin“ in Hamburg als Europa-Premiere geplant, nun waren die Engländer doch schneller (Europa-Premiere im West End im September 2021) und das Theater an der Elbe ist nun „nur noch“ der Ort der Deutschland-Premiere.

Am Broadway wurde die Bühnen-Adaption des Disney-Hits lediglich zwei Jahre gespielt. Trotz einiger Tony Award Nominierungen gewann das Stück 2019 „nur“ einen Drama Desk Award für das „Beste Puppet Design“. Dennoch waren Zuschauer wie Kritiker von den technischen Finessen, die in der Show erstmalig in dieser Vollkommenheit gezeigt wurden, sehr angetan.

Kein Wunder also, dass die Stage Entertainment mit genau dieser Magie, diesem Zauber, die Werbetrommel rührt. Denn die Handlung von „Die Eiskönigin“ kennt sowieso fast jeder.

Inhaltlich gibt es nahezu keinerlei Abweichungen zum Animationsfilm. Versierte Kenner des Films vermissen jedoch Olafs wertvollen Hinweis, dass „gelb und Schnee ein No Go“ sind. Auch dass er seine Karottennase nicht ein einziges Mal verliert, fällt durchaus auch einigen Zuschauern auf.

Das Publikum lernt sehr aufgeweckte Schwestern kennen, die im Schloss von Arendelle ihre Kindheitstage genießen. Insbesondere Anna (bei der Premiere gespielt von Anastasia) ist ein echter Frechdachs und sorgt mit ihr herrlich forschen Art für viele Lacher. Hier haben auch die von Ruth Deny ins Deutsche übertragenen Dialoge einen nicht unwesentlichen Anteil („nicht hummeln, sondern helfen!“). Elsa (gespielt von Isabella) hingegen trägt schon früh an der Bürde ihrer Zauberkräfte und zieht sich nach dem Unfall, bei dem sie Anna schwer verletzt hat, gänzlich in ihr Schneckenhaus zurück. Die Spielfreude der beiden Mädchen ist ansteckend, da schaut das Publikum wohlwollend darüber hinweg, dass der Gesang ziemlich schief ist („Willst Du einen Schneemann bauen?“).

Die erwachsenen Prinzessinnen werden von Sabrina Weckerlin (Elsa) und Celena Pieper (Anna) zum Leben erweckt. Geht man davon aus, dass Elsa mit Erreichen der Volljährigkeit zur Königin von Arendelle gekrönt wird, ist das Alter der beiden Darstellerinnen mit Mitte Dreißig (Weckerlin) und Ende Zwanzig (Pieper) doch etwas hoch. Weckerlins Elsa ist fast zu abgeklärt, kühl und sehr mütterlich, während Piepers Anna manchmal unangemessen albern und überstark auf männliche Körper fixiert über die Rampe kommt.

Dass die beiden gesanglich exzellent auf die Rollenprofile passen, steht jedoch außer Frage. „Ich lass los“ ist auch im Bühnenmusical der Showstopper! Weckerlins Ausdrucksstärke und ihre Fähigkeit von den leisesten, zerbrechlichen Tönen bis hin zu raumgreifenden, energiegeladenen Passagen alles blitzsauber zu intonieren, sind beeindruckend. Die stehenden Ovationen waren – gerade auch im Zusammenspiel mit der Begeisterung für die magische Verwandlung der Bühne – mehr als gerechtfertigt. Auch der neue Song „Monster“ ist Weckerlin quasi auf den Leib geschrieben. Das Kostüm jedoch ist für eine Elsa absolut unpassend.

Pieper überzeugt vor allem mit ruhigeren Duetten wie „Wann warst Du schon mal verliebt?“ oder „Du bist alles“. Gerade im letztgenannten Duett fällt auf, wie ähnlich die Stimmfarben der beiden Hauptdarstellerinnen sind.

Das Stück wird jedoch im Prinzip nur von einer einzigen Szene getragen: Am Ende des ersten Akts verwandelt die aus Arendelle geflohene Elsa eine Schneehöhle in einen funkelnden Eispalast. Die Metamorphose beginnt unten rechts am Proszenium und zieht sich dann zu magisch aufbrandenden Klängen über die ganze Bühne. Es funkelt und glitzert überall! Unzählige LEDs im Bühnenboden und in den Kulissen verstärken den Zauber-Effekt. Ganz zu schweigen vom Swarovski-Glitzervorhang. Wenn Elsa dann noch im Handumdrehen ihr dunkles Kleid in ein diamantenbesetztes, blau-silbernes Gewand verwandelt, ist der Bühnenzauber perfekt! Genau das kann das Publikum von einem modernen Disney-Musical erwarten!

Leider ist es das dann aber auch schon in Sachen Magie. Der Rest des Stücks plätschert recht unaufgeregt dahin und wären nicht Olaf, Kristoff und Sven bliebe es in Arendelle ganz schön finster. Olaf wird – genau wie Timon bei „Disney’s König der Löwen“ – von einem Darsteller gespielt und gesungen, der Kopf und Körper des Schneemanns vor den Bauch geschnallt hat und manuell steuert. Sven hingegen gleicht in der Funktionalität den Antilopen aus dem Nachbartheater: Ein Balletttänzer ist an Händen und Füßen mit Stelzen verbunden und stakst so als Rentier über die Bühne. Kein Wunder, denn die Puppets stammen von Michael Curry, der auch bei „Der König der Löwen“ für die Puppets verantwortlich zeichnete.

Benét Monteiro und Antoine D. Banks-Sullivan verkörpern das lustig-tollpatschige Duo Kristoff und Sven. Wenn Kristoff im Zweigespräch mit Sven feststellt, dass „Kein Mensch ist so gut wie ein Rentier“ oder ihm seine Liebe zu Anna („Kristoffs Gute Nacht Lied“) gesteht, legt Monteiro sehr viel Gespür für Timing und genau die richtige Portion Gefühl in die Songs, um noch glaubwürdig zu wirken. Elindo Avastia hat als Olaf etwas leichteres Spiel: Das Publikum johlt beim Anblick des kleinen Schneemanns und freut sich mit ihm, wenn er vom „Sommer“ träumt und Hildegard, der Möwe, hinterherruft.

Fast alle Songs, die an diesem Abend zu hören sind, wurden von Kirsten Anderson-Lopez und Robert Lopez für das Bühnenmusical neu geschrieben. Stücke wie „Hygge“ oder „Hans aus dem Süden“ bleiben jedoch nicht wirklich haften. Nichtsdestoweniger bringen die neun Musiker unter der Leitung von Aday Rodriguez Toledo die Kompositionen kraftvoll zu Gehör. Auch wenn in Hamburg weniger als die Hälfte der Musiker im Orchestergraben sitzt als am Broadway, klingen die Stücke doch sehr ausgewogen und voluminös.

Auch die Choreografien (Associate Choreographer: Charlie Williams) sind nicht wirklich magisch, sondern eher eine unauffällige Ausschmückung der Handlung. Einzig bei „Fixxer upper“, wenn Pabbie (der stark an Aquaman erinnernde David Negletto) versucht, Anna das Leben zu retten, lassen sich wunderbar kreative Ansätze erkennen. Viele Ensemblenummern erinnern vom Staging her zudem an die Hexenjagd-Szenen bei „Wicked“. Überhaupt ist dies ein Thema, welches sehr stark betont wird. Als Anführer der Hexenjäger ist Eric Minsk als Pitzbühl in gewohnt enervierender Art zu sehen.

Genial gelungen ist die Visualisierung der Hexenjagd als Elsa auf der Suche nach ihrer Schwester alle Bewohner Arendelles zu Eisblöcken gefrieren lässt. Hier greifen Licht, Kostüm und Choreografie perfekt ineinander.

Unter diesem Schwerpunkt leidet jedoch die Ausarbeitung der Bindung der beiden Schwestern zuweilen sehr. Hier wurde viel Potential verschenkt, das Stück für Erwachsene attraktiver zu machen.

Milan van Waardenburg steht als Prinz Hans auf der Bühne. Er hat eine recht undankbare Rolle, da er den langweiligen Prinzen nur allzu glaubhaft verkörpert und sich auch gesanglich nicht absetzen kann. Am spannendsten wird er, wenn Hans Anna sein wahres Ansinnen gesteht: Sehr schön düster und gefährlich reiht er sich ein in die Riege derer, die auf Hexenjagd gehen.

Auch wenn es eigentlich völlig selbstverständlich sein sollte, möchten wir an dieser Stelle erwähnen, dass das Ensemble von „Die Eiskönigin“ sicherlich das mit Abstand „diverseste“ Ensemble ist, das je auf einer deutschen Musicalbühne gestanden hat. Das Königspaar ist maximalpigmentiert und asiatisch (Dominik Doll und Lanie Sumalinog), Olaf und Kristoff sind ebenfalls maximalpigmentiert (Avastia und Monteiro), dazu kommen zahlreiche weitere Künstler aus dem europäischen, englischen und amerikanischen Raum. Warum dies bemerkenswert ist? Weil in diesem Fall ganz bewusst die Ebene des Klischeedenkens (Olaf muss weiß sein, Kristoff und das Königspaar müssen skandinavisch aussehen) verlassen wurde und schlichtweg die besten Darsteller für diese Rollen besetzt wurden. Chapeau, liebes Casting-Team.

Elsas Eispalast muss die komplette Show tragen, was leider nicht durchgehend gelingt. Technische Neuerungen sucht man in den übrigen Szenen nahezu vergebens. Ja, es gibt ein oder zwei magische Broadway-Momente, doch das allein ist nicht genug. Den Aufwand, den es bedurfte, die komplette Bühne zu verkabeln und mit LEDs auszustatten sowie die 30 Computer zu programmieren, die jeden Abend die Kulissen und Bühne zum Erstrahlen bringen, nimmt man als Zuschauer nicht wahr. Dafür braucht es Wow-Momente. Und den gibt’s in der „Eiskönigin“ nur einmal.

Michaela Flint
gekürzt erschienen in musicals – Das Musicalmagazin

Theater: Theater an der Elbe, Hamburg
Premiere: 8. November 2021
Darsteller: Sabrina Weckerlin, Celena Pieper, Benét Monteiro, Antoine D. Banks-Sullivan, David Negletto, Eric Minsk, Milan van Waardenburg, Dominik Doll, Lanie Sumalinog
Musik / Regie: Kirsten Anderson-Lopez & Robert Lopez / Adrian Sarple
Fotos: Morris Mac-Maatzen