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Comeback – eine gelungene, kurzweilige Revue

Das Comeback der Theaterwelt in Deutschland war leider nur in ein kurzes. Schon im November mussten die Kulturbetriebe ihren Türen trotz ausgeklügelter und sehr gut funktionierender Hygienekonzepte wieder schließen.

Doch da sich viele Menschen draußen vor den Theatern, in Bussen und S-Bahnen oder vor Restaurants und Kneipen eben nicht an die aktuell gültigen Abstandsregeln halten, müssen leider u. a. die Kulturbetriebe die Zeche zahlen.

Aber auch in diesen wenigen Wochen haben Theater landesweit gezeigt, wie schnell sich Shows auf die Beine stellen lassen, die den herausfordernden Zeiten angemessen sind. Das First Stage in Hamburg brachte die Revue „Comeback“ auf die Bühne, in der sieben Darstellerinnen und Darsteller das Thema Comeback auf verschiedenste Arten interpretierten.

Da ist der Schriftsteller Bartholomäus Bob, der seiner langjährigen Freundin Amy einen Heiratsantrag machen will. Als sie das Treffen absagt, um mit seinem besten Freund zur Partnermassage zu gehen, beschließt er ein Buch über verlassene Männer zu schreiben.

Emmanuel L. Duarte liefert ein beeindruckendes „Puttin‘ on the ritz“ ab, zu dem seine tiefe, warme Stimme sehr gut passt. „Nebenbei“ steppt er auch noch zu diesem Klassiker und lässt beim finalen „Victorious“ seine ganze Energie frei.

Farah Liss gibt eine frustrierte Puppe, mit der niemand mehr spielen mag. Ihr „Sound of Silence“ Solo ist raumgreifend, ihr verstörender Tanz mitreißend. Sie hadert mit dem Schicksal, „kämpft mit dem (Teddy)Bär“ und träumt, obwohl sie nicht mehr machen möchte, was die Menschen ihr sagen, von früher. Mit „Puppet on a string“ verleiht sie ihrem Frust erneut tänzerisch Ausdruck.

Als gleich drei Damen, die ihr Herzblatt suchen, zeigt Lisa Wissert ihre Wandlungsfähigkeit. Sie beherrscht nicht nur verschiedene Dialekte und kann sich sekundenschnell in skurrile Charaktere verwandeln, sie zieht diese Eigenarten auch bis in den Gesang durch: So lispelt Kandidatin 1 ganz herzerweichend bei „Auf einmal“ aus „Tarzan“ und Roxy aus Eschborn erobert mit ihrem großen Selbstbewusstsein und „Roxy“ aus „Chicago“ die Bühne.

Zu ZAYN & Sias „Dusk till dawn“ nähern sich Kandidatin 2 (Roxy) und ihr Herzblatt (Robin Apostel) tänzerisch an. Beide überzeugen, auch wenn man deutlich sieht, dass Wissert eher aus dem klassischen Fach kommt und Apostel mit seiner Geschmeidigkeit eher dem Jazz zuzuordnen ist.

Meltem Ürküt darf als geschiedene, frustrierte Rose Ritz mit Passagen aus „Männer“ („3 Musketiere“) und „Was ist mit meiner Ehe passiert?“ (Fee aus dem See aus „Spamalot“) glänzen. Sie spielt die überspannte Single-Lady ganz prima und tanzt sich beim Steppaerobic mit 25 (großteils) imaginären Männern zu „It’s raining men“ frei.

Robin Apostel spielt einen Tänzer, der nach einer Audition mal wieder auf den erlösenden Anruf wartet. Er ist geplagt von Selbstzweifeln, sucht nach seiner „Bestimmung“ und verleiht mit einem ausdrucksstarken Contemporary zu „Believer“ seiner Ablehnung von Stereotypen jeglicher Art deutlich Nachdruck. Apostel überzeugt sowohl stimmlich mit seinem „Tanz durch die Welt“ („Wicked“) als auch mit seinem Vergleich von Fußball und Tanzen („Der ist wie ein Choreograph.“). Mit „I’m only human“ fasst er tänzerisch noch einmal zusammen, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Jeder ist so genau richtig, wie er ist!

Im krassen Gegensatz dazu steht Niklas Heinrichs‘ „Stars in der Porzellanabteilung“, wo er als Friseur Udo Rosa über seinen Besuch auf der Toilette bei der Bambi-Verleihung schwadroniert. Hier wird kein Klischee ausgelassen. Doch mit dem Solo an seinen Vater sowie dem viel zu kurzen, Gänsehaut verursachenden Ausschnitt aus „Rise like a Phoenix“ von Conchita Wurst gleicht er diese Schieflage mehr als aus.

Außerhalb eines szenischen Rahmens kommen die Zuschauer in den Genuss von Mae Ann Jorolans Stimme. Sowohl „Flight“ als auch „One night only“ sind perfekt für ihre soulige Stimme, die sie mit einer perfekten Attitude über die Rampe bringt.

Die Darsteller haben ihre Szenen mit Kollegen aus dem Frist Stage gemeinsam erarbeitet. Vielfach wurden Texte auf die gespielte Situation angepasst. Doch auch die Ensemblenummern wie „Kasse bitte“ (ein schönes Spiegelbild der aktuellen Situation in Supermärkten) oder die Steppeinlage zu „Blinding lights“ (lichttechnisch sehr gut in Szene gesetzt) und natürlich das Finale zur George Michaels „Freedom“ (arrangiert wie in „Pitch Perfect 3“) gelingen ganz ausgezeichnet.

Dennis Schulze (Regie), Adam M. Cooper (Choreographie) und Felix Wienbürger (Licht, Set) haben einen sehr stilvollen Rahmen geschaffen, der jeden der sieben Darsteller – allesamt Absolventen der Stage School -in seine eigene Welt eintauchen ließ.

Ein Comeback in 78 Minuten und ohne Pause. Die Show wird sobald wie möglich wieder aufgenommen. Alle Künstler haben große Anerkennung für die Entbehrungen der letzten Monate verdient und umso mehr Applaus, wenn sie ihr Können endlich wieder auf den Bühnen dieses Landes zeigen dürfen.

Michaela Flint
erschienen in musicals – Das Musicalmagazin

Theater: First Stage Theater, Hamburg
Premiere: 9. Oktober 2020
Darsteller: Emmanuel L. Duarte, Farah Liss, Lisa Wissert, Robin Apostel, Meltem Ürküt, Niklas Heinrichs, Mae Ann Jorolan
Regie: Dennis Schulze
Fotos: First Stage Theater, Hamburg