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She loves you

Musical-Klassiker klassisch inszeniert

In einer Zeit von klingelnden Handys, piepsenden Blackberrys und permanentem Online-Sein mit dem Laptop tut es – auch und gerade in der Vorweihnachtszeit – gut einmal innezuhalten. „She loves me“ bietet eine gute Gelegenheit dazu. Das Musical von Jerry Bock und Sheldon Harnick („Anatevka“) handelt von zwei einander unbekannten Liebenden, die sich ihre innigsten Gefühle in zahllosen Liebesbriefen gestehen. Das Stück, dass zur Winterpremiere im Stadttheater Bielefeld auserkoren wurde, basiert auf der ungarischen Komödie „Parfümerie“ von Miklos Laszlo und wurde in Filmen wie „Rendezvous unterm Ladentisch“ (Ernst Lubitsch) und „E-Mail für Dich“ mit Meg Ryan und Tom Hanks publikumswirksam auf die Leinwand gebracht. Die zeitliche Einordnung im Budapest der 1930er Jahre lässt viele Ähnlichkeiten mit dem Lubitsch-Film zu, den Bock und Harnick als Vorlage für ihr Stück genommen haben.

Die Handlung vollzieht sich in Maraczeks Parfümerie, die sich nach der Schließung eines Wettbewerbers über einen wahren Kundenansturm freuen kann. Da kommt die junge Amalia Balash als neue Verkäuferin gerade recht. Weder sie noch der erste Verkäufer Georg Nowack ahnen, dass sie sich durch ihre Liebesbriefe bereits sehr gut kennen. So entwickelt sich eine unbegründete Abneigung, die aber zum Finale in die wahre Liebe jenseits von Stift und Papier umschlägt. Bis dahin muss jedoch Kollegin Ilona Ritter die Erfahrung machen, dass nicht alle Männer nett sind und der schlimmste ist Kollege Stephan Kodaly; der Botenjunge Arpad Laszlo wird zum Verkäufer befördert und Ladeninhaber Maraczek muss im fortgeschrittenen Alter die Seitensprünge seiner Frau verkraften. Außerdem gibt es da noch Ladislav Sipos, der alles macht, um möglichst unauffällig zu bleiben und so seine Inkompetenz zu verstecken.

Viele kleine Nebenhandlungen machen dieses Stück zu einer charmanten Abendunterhaltung. Die gefälligen Kompositionen von Bock passen hervorragend zu den amourösen Verwicklungen auf der Bühne. Auch wenn kein Ohrwurm dabei ist, hat doch jeder Darsteller seinen großen Auftritt – sei es nun gesanglich, tänzerisch oder schauspielerisch-komödiantisch.

Die Bühnenbilder Reinhard Wust sind gemessen an einem normalen Stadttheater-Budget mehr als nur funktional. Die Front der Parfümerie ermöglicht einen Wechsel zwischen Straße und Laden. Die Drehbühne ist in drei Sektionen unterteilt, die aus der Parfümerie im Handumdrehen ein Hinterzimmer, das Geschäftsführerbüro, ein Krankzimmer oder ein Schlafzimmer machen. Auf diese Weise sind die notwendigen Szenewechsel gut gelöst. Hinzu kommt noch Olaf Meyer, der diese Wechsel als charmanter Bettler mit verfilztem Frack und Zylinder begleitet und das notwendige Übel gut überspielt. Die Verwandlung der Parfümerie in ein romantisches Tanzlokal ist ebenfalls als gelungen zu bezeichnen.

Musikalisch fühlt man sich mit diesem Stück an die Heimatfilme der 1950er und 1960er Jahre erinnert. Schöne Melodien nehmen das Publikum mit in eine zuckersüße Welt voller Klischees. Die Besetzung, eine Mischung aus Theater-Ensemble und Gästen, erfüllt die Anforderungen einwandfrei. René Rosenburg spielt den verliebten Erstverkäufer Georg Nowack, der an der richtigen Stelle Mut beweist und zu seinen Gefühlen steht, auch wenn er dadurch (vorübergehend) den Job verliert. Die von ihm unbekannter Weise heiß geliebte Amalia Balash wird von der Sopranistin Cornelie Isenbürger gegeben. Ihr Erscheinen und ihr Spiel sind sympathisch, einzig ihr perfekter Sopran mag an einigen Stellen nicht so recht zu Bocks Kompositionen passen.

Melanie Kreuter und Tilmann von Blomberg geben zu Anfang das Paar Ilona Ritter und Stephan Kodaly. Kreuter überzeugt in ihrer Verzweiflung und bringt das Gefühl betrogen zu werden glaubhaft zu Geltung. Ihre Wandlung als die klischeebehaftete Vorzeigeblondine sich in einer Bibliothek in einen Optiker verliebt, ist wundervoll. Von Blomberg ist ein herrlich schmieriger Schwerenöter. Seine flachen und schnell zu durchschauenden Anmachsprüche hat man schnell über, aber genau das macht seine Rolle aus.

Marco Fahrland ist der junge Bote Arpad, dessen Traum es ist, endlich auch ein richtiger Verkäufer zu werden. Seine Rolle als pflichtbewusster Angestellter füllt er sehr sympathisch aus. Carlos Horacio Rivas hat als Ladislav Sipos die Lacher auf seiner Seite. Seine scheinbare Unbeholfenheit macht ihn zum sympathischen Underdog. Auch als er mit einer kleinen Intriganz für ein heilloses Durcheinander und beinahe den Tod von Maraczek sorgt, ist ihm keiner böse. Maraczek selbst wird von Lokalpatriot Richard Panzner gespielt. Da ist ihm die Gunst des Publikums von vornherein sicher.

Die Cast wird durch eine handvoll Bettler komplettiert, die zur Ouvertüre auf imaginären Instrumenten spielen – ein großartiger Einstieg -, dann wieder als Gäste im Café Imperial erscheinen oder als Kunden, die Parfümerie betreten.

Ein Musical aufzuführen, dass hierzulande kaum bekannt ist, dazu gehört schon Mut. Wenn man es aber so stilsicher umsetzt wie in Bielefeld geschehen, kann kaum etwas schief gehen. Es fehlen zwar die großen Soli, der Musical-Hit und die beeindruckende Ausstattung, auf die so viele andere Häuser setzen. Aber Bielefeld macht deutlich, dass weniger manchmal mehr ist und sich für alle – künstlerisch Beteiligte wie Zuschauer – lohnt.

Veröffentlicht in Blickpunkt Musical,
Ausgabe 01/07, Januar-Februar 2007