home 2020, Neu Die großartige Regiearbeit sorgt für viele amüsante Momente

Die großartige Regiearbeit sorgt für viele amüsante Momente

Monty Python’s „Spamalot“ trieft vor Sarkasmus, Klischees und nicht einmal ansatzweise subtilen Anspielungen auf menschliche Geschlechtsmerkmale. Es ist eine Gratwanderung, diese schwärzeste aller britischen Komödien so auf die Bühne zu bringen, dass das Publikum darüber lacht und sich nicht vor Fremdscham wegdreht.
Wichtig ist es hierfür, dass Regisseur und Darsteller hochprofessionell arbeiten, sich dabei aber selbst nicht allzu ernst nehmen.

Dem Theater Vorpommern gelingt mit seiner aktuellen Inszenierung ein absoluter Glücksgriff. Peter Rein beweist ein untrügliches Gespür für Pointen und Charaktere. Er lässt seine Darsteller auf den Punkt agieren und legt ein großes Gewicht auf das Spiel und das treffsichere Abfeuern der unzähligen Kalauer. Sicherlich darf auch Oliver Lisewskis Einfluss als Schauspieldramaturg hier nicht unberücksichtigt bleiben.

Schon die deutschen Original-Adaptionen von Daniel Große Boymann funktionieren sehr gut. Die zahlreichen ergänzten Anspielungen auf das lokale Geschehen in Vorpommern holen das Publikum perfekt ab. Auch mit Kritik hält das Ensemble nicht hinter dem Berg: Als es darum geht, dass König Artus in Deutschland ein erfolgreiches Musical in einem Stadttheater aufführen soll, lernen die Zuschauer von Sir Robin: „Deutschland ist ein Land mit Künstlergagen in Stadttheatern, für die der örtliche Bürgermeister nicht einmal das Bett verlassen würde.“

Sir Robins sehr ausgedehnte Exkursion ins Musical hat einen hohen Wiedererkennungswert: „Cabaret“, „Rocky Horror Show“, „Jesus Christ Superstar“, „Tanz der Vampire“, „Anatevka“, „Hair“, „Chorus Line“ – aus allen diesen Shows lässt Tobias Bode alias Sir Robin einen Song anklingen. Und dass, nachdem er eine (sicherlich nicht ernst gemeinte) vernichtende Kritik zur schauspielerischen Leistung von Tobias Bode als Hamlet ertragen musste. Zur Erklärung: Bode steht in dieser Spielzeit auch als „Hamlet“ auf den Bühnen des Theaters Vorpommern.

Dieser Lokalkolorit lässt das Publikum zwischendurch juchzen und sorgt für eine sehr heitere Grundstimmung. Nur zu gern begleiten sie die Reise von König Artus (zum Glück nicht Boris Johnson, wie zum Beginn des Stücks vom Historiker suggeriert), Patsy und den Rittern der Tafelrunde. Schon der erste Auftritt von König und seinem Kokosnuss-Klappernden Knappen Patsy sorgt für Begeisterung. Dies ändert sich auch nicht als Sir Galahad, Sir Robin, Sir Bedevere und Sir Lancelot vorgestellt werden. Jeder Ritter ist einmalig schräg und obwohl die Darsteller zumeist noch weitere Ensemble-Rollen übernehmen müssen, gelingt es ihnen, die Ritter prägnant und mit großer Hingabe zu spielen.

Manfred Ohnoutka, seit fünf Jahren in Vorpommern auch als Regisseur ein fester Bestandteil des Theaters Vorpommern, ist als Artus zu erleben. Er ist stattlich, herrlich trottelig und spielt süffisant herablassend. Wen stört es da, dass er nicht der beste Sänger ist?

Florian Soyka springt in der Stralsunder Premiere nach nur einem Tag Proben für den erkrankten Mario Gremlich als Sir Galahad ein. Der erfahrene Musicalprofi stand schon in vielen Stücken auf der Bühne – so auch im Sommer 2018 bei „Spamalot“ in Tecklenburg. Diese eher unfreiwillige Besetzung ist eine sehr gute Wahl, denn Soyka spielt nicht nur glaubwürdig – u. a. als vehement argumentierender Systemkritiker und Klassenkämpfer ­, sondern überzeugt auch noch mit seiner großen stimmlichen Bandbreite.

Gesanglich auf ebenfalls sehr hohem Niveau bewegt sich Feline Zimmermann als Fee aus dem See, auch mal abwertend als Tümpeltussi oder Schlammschlampe bezeichnet. Bei „Wann geht’s hier wieder mal um mich?“ singt sie sich nicht nur in die höchsten Höhen, sondern spielt die zickige, genervte Diva in absoluter Vollendung. Ihre Kleider sind sehr gelungen und der Verwandlungscoup hin zum Brautkleid ist spitze (Bühne und Kostüme: Xenia Hufschmidt).

Bereits erwähnter Tobias Bode zeigt als Sir Robin seine Vielseitigkeit: Der Ritter der schönen Künste ist ein großer Feigling („Der tapfere Sir Robin“) und blüht erst bei „Denn kommt es nicht vom Broadway…“ so richtig auf. Nach dieser Szene fordert das Publikum lautstark Zugaben von ihm ein.

Benjamin Krüger überzeugt gleich in mehreren Rollen: Er spielt den im Lauf des Stück als schwul geouteten Sir Lancelot mit genauso viel Energie wie den Franzosen, der die Engländer treffsicher verhöhnt. Im Zusammenspiel mit Hubertus Brandt als Prinz(essin) Herbert sorgt er für viele Lacher. Ganz nebenbei ist er der mit Abstand beste Tänzer und tanzt alle Choreographien (Lea Hladka) auf den Punkt.

Als Artus eifriger, aber nicht wertgeschätzter Diener Patsy ist Felix Meusel zu erleben. Er spielt herrlich unterwürfig, macht sich aber auch nachdrücklich bemerkbar. Mit „Nimm das Leben beschwingt, hab einfach Spaß!“ (“Always Look on the Bright Side of Life”) und seiner Strophe bei “Ich bin allein” liefert er zwei Showstopper voll ab!

„Spamalot“ in Stralsund ist sehr unterhaltsam. Möchte man das Haar in der Suppe suchen, wäre es die Musik, die auffällig langsam arrangiert wurde und an vielen Stellen sehr schief intoniert wird. Die Inkonsistenz von Sebastian Undisz und seiner kleinen Band ist auch im Ensemble zu finden (im Programmheft als „Statisterie“ bezeichnet), das leider weder gesanglich noch tänzerisch überzeugen kann.

Was bleibt, ist Reins herausragende Regiearbeit und die vielen keinen Ideen (die „Weltreise“ von Artus und seinem Gefolge ist absolut einmalig, und auch der sehr, sehr, sehr … teure Wald mit projizierten Währungssymbolen sowie das Staging von „Ich bin allein“ sind super), welche die Hauptdarsteller allesamt sehr gekonnt über die Rampe bringen.

Michaela Flint
gekürzt erschienen in musicals – Das Musicalmagazin

Theater: Theater Vorpommern, Stralsund
Premiere: 11. Januar 2020
Darsteller: Manfred Ohnoutka, Tobias Bode, Benjamin Krüger, Felix Meusel, Mario Gremlich, Friederike Serr, Feline Zimmermann, Hubertus Brandt
Regie / Musik: Peter Rein / John du Prez
Fotos: Theater Vorpommern