home Entertainment-Shows, Neu Ein sehr intensives Stück, das viele Fragen aufwirft

Ein sehr intensives Stück, das viele Fragen aufwirft

Henker – egal ob vor 120 Jahren oder heutzutage – ist mitnichten einfach ein Beruf. Da steckt viel mehr dahinter. Was dieser Beruf für Josef Lang, den letzten Scharfrichter Österreich-Ungarns, bedeutete, erfahren die Zuschauer in dem autobiografischen Stück „Der Henker“.

Josef Lang hat von 1855-1925 in Simmering bei Wien gelebt. Es ist also keineswegs Fiktion, was das Publikum zu hören bekommt, sondern seine ureigenen Gedanken, die er einige Jahre vor seinem Tod als Memoiren veröffentlichte. Lang war Tischler, Soldat und Heizer. Schließlich hatte er so viel gespart, dass er ein Kaffeehaus eröffnen konnte, das ihm und seiner Gattin ein gutes Leben ermöglichte. Er war zudem Mitglied der „Freiwilligen Simmeringer Turner-Feuerwehr“ und somit in mehrerlei Hinsicht schon vor seiner „Karriere“ als Scharfrichter kein Unbekannter in Simmering.

Wie es der Zufall wollte, war der damalige Wiener Scharfrichter Karl Selinger ein häufiger Gast in Langs Kaffeehaus und man kam ins Gespräch. Lang lernte dann als Gehilfe die Aufgaben eines Henkers kennen und – so seltsam es klingt – lieben. Nach Selingers Ableben 1899 fand sich zunächst kein geeigneter Nachfolger. Auch Lang war eigentlich nicht geeignet, da er bereits zu alt für den Beamtendienst war. Doch er hatte die Behörden mit seiner Gewissenhaftigkeit und seinem Eifer nachhaltig beeindruckt und so boten sie ihm die Stelle an. Am 27. Februar 1900 wurde Lang offiziell zum Wiener Scharfrichter ernannt.

In den folgenden 19 Jahren – bis zur Abschaffung der Todesstrafe – vollstreckte er 39 Urteile. Hierbei legte er besonderen Wert darauf, dass die Verurteilten nicht unnötig litten, weshalb er die Strangulation am Würgegalgen der in England üblichen Erhängungsmethode des Sturzes durch eine Falltür vorzog: „Eine Hinrichtungsdauer von mehr als einer Minute hielt er für eine „rohe Abschlachtung“ und war überzeugt, dass die Strangulation bei seiner Methode „nicht die mindesten Schmerzen“ bereite, ja vielmehr „angenehme Gefühle“ auslöse. Als Beweis führte er einen Strangulierungsversuch an, den er einmal durch seine Gehilfen an sich habe vornehmen lassen.“ (Zitat Wikipedia)

In Wien war ein Henker vor 120 Jahren eine sehr angesehene Persönlichkeit. Das mag auch erklären, warum Lang seinen Beruf als Berufung sah, der er mit äußerster Akribie nachging und nicht als etwas Anstößiges, wie man vielleicht heutzutage gemeinhin denken mag.

Und genau in diesem Konflikt zwischen heutiger Betrachtungsweise und damaliger Selbst- und Fremdwahrnehmung eines Henkers liegt die Spannung des Stücks von Gerhard Dorfer und Anton Zettel, die Langs Leben als Vorlage für ein satirisches Einpersonenstück nahmen.

In regelmäßigen Abständen zeigt das Hamburger Imperial Theater dieses Stück in der Regie von Geriet Schieske mit Marko Formanek in der Hauptrolle. Das Theater empfängt die Zuschauer zu diesem Anlass schon mit Straußschen Walzern und stimmt so gekonnt auf die Zeit der k.u.k. Monarchie ein.

Als gebürtiger Wiener kann Formanek der Person Josef Lang allein durch Sprache und Ausdruck viel Authentizität verleihen. Ausgehend von Langs Entlassung aus dem Staatsdienst 1919 erzählt Lang wie er zu Österreich-Ungarns letztem Scharfrichter wurde und warum er diesen Beruf so gern ausgeübt hat.

Genau hierin liegt das Perfide dieses Stücks: Der Zuschauer erlebt einen Mann, der sich ganz fürchterlich darüber ärgert, dass ihm die Arbeitsgrundlage entzogen wurde. Dabei hat er seinen Job fast 20 Jahre exzellent und fehlerfrei ausgeführt. Nie gab es einen Grund zur Klage.

Dass dieser Job jedoch das Umbringen von Menschen war, was mit heutigem Wissen keine angebrachte Ahndung einer Straftat ist, macht die ganze Sache schwierig. Eigentlich möchte man Mitleid haben mit diesem Mann, der sogar dafür gesorgt hat, dass die ihm überlassenen Straftäter nicht unnötig leiden. Doch Mitleid mit einem Henker? Jemandem der Menschen auf Befehl des Kaisers umbringt? Das passt nicht zusammen, oder?

Marko Formanek dosiert sowohl leise als auch laute Töne genau und nimmt die Zuschauer mit auf eine spannende Reise in die Gedankenwelt eines pflichtwussten Wiener Beamten. Lang war selbstbewusst und hat seine Aufgabe nie hinterfragt. Schließlich war die Rechtsprechung damals so und einer musste diesen Job ja machen. Warum dann also nicht jemand, der die Tötung so schmerzfrei wie irgend möglich vollzieht? „Urteil ist Urteil und Vorschrift ist Vorschrift!“ So lautet Langs Motto.

Aber darf man sich damit wirklich rausreden? Gebietet es nicht der gesunde Menschenverstand, dass man alle seine Aktivitäten hinterfragt, vor allem, wenn andere Menschen hierdurch zu Tode kommen? Für Josef Lang waren die Hinrichtungen eine befohlene Notwendigkeit des Staates. Nichts, was ihm zu hinterfragen zusteht.

Diskussionsbedarf gibt es nach dem Besuch von „Der Henker“ reichlich.

Außer Frage steht jedoch, dass Formanek hiermit ein Meisterstück abliefert, denn auch als Schauspieler, der einen solch zwiespältigen Charakter spielt, kann man sich von seiner eigenen Denke nicht befreien. Um so eindrucksvoller ist es, wenn Formanek als letzten Akt auf eine wackelige Tisch-Stuhl-Konstruktion steigt, sein zu einer Schlaufe geknüpftes Seil um den Hals legt, das andere Ende über einen Balken wirft und… Ja, was dann? Im Theater wird es dunkel und das Stück ist vorbei. Umgebracht hat Josef Lang sich nicht. Soviel ist bekannt…

Tiefschwarz geschildert, brillant und schonungslos gespielt und viel Stoff für angeregte Gespräche. Ein toller Theaterabend!

Michaela Flint

Theater: Imperial Theater, Hamburg
Besuchte Vorstellung: 20. Januar 2020
Darsteller: Marko Formanek
Regie: Geriet Schieske
Fotos: Imperial Theater