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Willkommen bei den Hartmanns

John von Düffel hat den Filmhit von Simon Verhoeven für die Bühne aufgearbeitet. Senta Berger, Heiner Lauterbach, Florian David Fitz, Palina Rojinski, Elyas M’Barek, Uwe Ochsenknecht und Eric Kabongo haben die Komödie um das Ehepaar Hartmann – beide in der Midlifecrisis – die den geflüchteten Diallo aus Nigeria bei sich aufnehmen, zu einem Kassenschlager im Winter 2016/2017 gemacht.

Verhoevens Film ist eine Gesellschaftssatire mit vielen komischen Momenten, die aber durchaus einen ernsten und immer noch aktuellen Hintergrund haben. Was fängt man mit seinem Leben an, wenn die Kinder aus dem Haus sind und/oder die Rente bevorsteht? Wie kann man den vielen Geflüchteten am besten helfen, sich zu integrieren? Wohin möchte man mit seinem Leben – was ist der Sinn des Lebens? Sind Geld und Karriere alles? Oder sind es doch Familie und Freunde, die am wichtigsten sind?

Jeder Zuschauer findet hier den ein oder anderen Ansatzpunkt und erkennt sich oder sein Umfeld in der Handlung wieder.

Martin Woelffer führte Regie bei der Erstaufführung der Bühnenfassung in der Komödie am Kurfürstendamm im März 2019 und inszeniert das Stück auch im Winterhuder Fährhaus in Hamburg. Erfahrene und dem Publikum auch aus dem TV bekannte Schauspieler übernehmen die Hauptrollen: Meike Harten gibt die besorgte Übermutter Angelika, die vor lauter Kümmern um andere sich selbst verloren hat. Angelikas erfolgreichen Chirurg Richard, der ein ernstes Thema mit seinem Altern hat, spielt Michael Roll. Ute Willing steht als esoterisch angehauchte Flüchtlingshelferin Heike auf der Bühne. Die erwachsenen Kinder Sophie und Philipp, die beide mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben, spielen Jonathan Beck und Henrike Fehrs. Mike Adler gibt Tarek, den Assistenzarzt und Initiator der Laufgruppe für Geflüchtete. Der Part des Geflüchteten Diallo, der plötzlich der Mittelpunkt des Hartmann-Kosmos ist, aber manchmal gar nicht weiß, wie ihm geschieht, wird von Quatis Tarkington übernommen.

Die Handlung an sich findet im Prinzip die ganze Zeit im Garten der Hartmanns statt. Andere Räume werden nicht geöffnet. Insofern hatte Stephan Fernau (Bühne und Kostüm) relativ leichtes Spiel, da neben dem Garten nur Fensteröffnungen oder die Gänge im Theater mitbespielt werden.

„Willkommen bei den Hartmanns“ funktioniert auch auf der Theaterbühne ganz hervorragend. Es gibt reichlich Momente zum Nachdenken, Lachen und – beim Thema Flüchtlinge in Deutschland fast zwangsläufig – auch Fremdschämen. Wer den Film gesehen hat, erkennt vieles wieder: Angelikas zunehmender Alkoholkonsum ist auch in Gang und Sprache nicht mehr zu kaschieren. Richards verzweifelter Versuch, mit Botoxspritzen und Discobesuchen sein Altern aufzuhalten, ist mitleiderregend. Heike ergeht sich in Selbstverwirklichung und Helfersyndrom – gern auch mithilfe bewusstseinserweiternder Substanzen. Philipp kämpft gegen seine Ex-Frau und merkt vor lauter Karrierefokussierung nicht, dass ihm sein Sohn Basti entgleitet. Sophie sucht nach dem Sinn des Lebens und versucht krampfhaft, sich dem Kontroll- und Bevormundungswahn ihres Vaters zu widersetzen. Tarek ist genervt von dem latenten Rassismus seines Professors, umso mehr geht er in seiner Laufgruppe mit den Flüchtlingen auf. Diallo ist spürbar traumatisiert und sehr dankbar für die Unterstützung der Hartmanns, auch wenn er die ganze Familie etwas schräg findet und die Familienmitglieder treffsicher als verwirrt bezeichnet. Neu bzw. anders im Vergleich zum Film ist, dass Diallo seinen kleinen Bruder – einem der wenigen Überlebenden nach dem Boko Haram Angriff auf das Dorf – nachholen will. Dass Diallo noch Familie hat und am Schluss – trotz erfolgreichen Asylantrags – wieder zurück in seine Heimat geht, um seinen Bruder zu suchen, gibt der Handlung nochmal einen etwas anderen Twist.

Die komplette Riege auf der Bühne kann an diesem Abend überzeugen. Allen voran Tarkington, dessen Überforderung mit den durchgeknallten Hartmanns sehr glaubhaft ist. Er hat Charme und Witz und gewinnt so die Herzen der Zuschauer im Sturm.

Michael Roll brilliert in der Rolle des Familienoberhaupts, dem vor der ungewissen Zukunft als Rentner graut und der sich von jüngeren Männern und Ärzten bedroht fühlt. Er macht sich herrlich lächerlich mit seinen Schönheits-OPs, bringt aber auch die tief verborgene Verletzlichkeit von Richard gut über die Rampe.

Angelika weiß nicht mehr, wo sie hingehört. Meike Harten kann diese Verlorenheit gut nachempfinden. Auch die Flucht in den Alkohol zeichnet sie glaubwürdig nach. Angelika ist keine besonders temperamentvolle Frau, weshalb Harten sehr monoton wirkt. Diese ruhige Art mag auf einige Zuschauer verstörend und unangebracht wirken, kann aber seitens des Regisseurs auch beabsichtigt sein. So ganz sicher ist man hier jedoch nicht…

Heike ist Angelikas Freundin, die ein biederes, braves Erwachsenendasein grundsätzlich ablehnt. Ute Willing spielt die klischeehafte Hippietussi mit viel Energie und Einsatz. Jonathan Beck spielt den karrierebesessenen Yuppie genauso glaubwürdig wie den souveränen Anwalt. Die Szenen als Vater sind aufgrund des imaginären bzw. nur im Hiphop-Video sichtbaren Basti eher zu vernachlässigen, doch dass er am Schluss geläutert ist und schmerzhaft durch die Nacht in der Psychiatrie gelernt hat, worauf es ankommt, glaubt man ihm gern.

Henrike Fehrs darf sich als „schwarzes Schaf“ der Familie austoben: Sie streitet mit dem Vater, unterstützt die Mutter, hilft Diallo und sucht mehr oder weniger erfolgreich nach dem richtigen Job und dem perfekten Mann. Fehrs hat besonders starke Momente als sie im Drogenrausch Trockenschwimmen auf der Bühne vollführt und am Tag danach die Folgen sehr nachdrücklich durchlebt. Auch als sie Philipp deutlich die Meinung sagt, wird deutlich, dass dieses zierliche Persönchen mehr kann als nur hübsch aussehen.

Bleibt noch Mike Adler, der von vornherein ein wahrer Sympathieträger ist. Sowohl seine berechtigte Kritik am Professor als auch sein Engagement in der Flüchtlingshilfe nimmt man ihm ab. Auch das Wiedertreffen mit seiner Schulliebe Sophie gelingt ihm sehr süß und authentisch.

Regieseitig spannend ist, dass das Publikum häufig direkt angesprochen oder ins Spiel mit einbezogen wird – sei es als Geflüchtete, die sich bei den Hartmanns bewerben, als rassistischer Mob vor der Tür der Hartmanns oder als Richter in Diallos Asylverfahren. Auch dies birgt lustige Momente und bindet die Zuschauer sehr erfolgreich in das Geschehen mit ein.

Diese Bühnenfassung kann man – nicht zuletzt aufgrund der vielseitigen Handlungsvorlage – als sehr gelungen bezeichnen. Das Publikum wird sehr gut unterhalten und es gibt auch keine langatmigen Szenen, nur um jedes Element des Films auch auf der Bühne wiederzugeben. Genau so gelingt der Transfer eines Celluloid-Hits auf die Stadttheaterbühne.

Michaela Flint

Theater: Komödie im Winterhuder Fährhaus, Hamburg
Besuchte Vorstellung: 3. Januar 2020
Darsteller: Quatis Tarkington, Michael Roll, Meike Harte, Ute Willing, Henrike Fehrs, Jonathan Beck, Mike Adler
Regie: Martin Woelffer
Fotos: Oliver Fantitisch