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Gute Laune und Lebensfreude, wohin man schaut

Schon das Lesen des Musicaltitels zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht. Unweigerlich spitzt man die Lippen und beginnt die weltbekannte Melodie aus dem Film von 1952 zu pfeifen. Auf dem herbstlich-feuchten Weg ins Theater ist man geneigt, sogar fröhlich in Pfützen zu springen, so warm und wohlig ist das Gefühl, das dieser Song auslöst.

Der Film mit Gene Kelly, Donald O’Connor und Debbie Reynolds in den Hauptrollen zählt nicht nur für das American Film Institute als bester Musicalfilm aller Zeiten. Es gibt also reichlich Vorschusslorbeeren für diesen Stoff.

In den 1980er Jahren wurde das Stück dann von Betty Comden und Adolph Green für die Musicalbühne adaptiert. Die Musik stammt von Nacio Herb Brown.

1983 war Premiere in London, 2012 gab es im West End ein großes Revival und seither entdecken immer Stadttheater diesen beschwingten Stoff für sich.

In Lüneburg wird die alternative deutsche Fassung von Roman Hinze gezeigt, die aber (glücklicherweise) viele Songs im Original von Arthur Freed belässt.

Barbara Bloch hat die Bühne sehr passend mit diversen Großkulissen in Form von Filmrollen oder Filmklappen ausgestattet. Diese werden als Hintergrund oder Projektionsfläche genutzt, aber auch durchaus immer mal wieder in die Choreographien (Olaf Schmidt) eingebunden. Auch große Glitzersterne, die den Prunk der aufkommenden Tonfilmindustrie vortrefflich unterstreichen, wurden an der Bühnendecke platziert. Mindestens ebenso treffsicher ist das Kostümbild von Susanne Ellinghaus: Elegante schwarze Fräcke, Lackschuhe und weiße Schals bei den Herren, mit Federn besetzte, schillernde Kleider mit farblich abgestimmten Accessoires wie Taschen und Schuhen bei den Damen – hier fehlt es an nichts.

Das Highlight ist natürlich auch hier der Regen, der sich am Ende des ersten Akts literweise über die Bühne ergießt und so Don Lockwood zu einem verliebten Tänzchen in den Pfützen animiert. Für ein Stadttheater ein wirklich beeindruckendes Szenenbild.

Ulrich Stöcker (musikalische Leitung) spielt mit den Lüneburger Symphonikern schon bei der Ouvertüre fulminant auf und lässt im Laufe des Abends keinen Deut nach. Die Zuschauer werden sofort von den liebevollen, warmen Klängen umarmt.

Auch die Tontechnik, die in den letzten Jahren im Theater Lüneburg häufig zu wünschen übrigließ, reiht sich ein in den gelungenen Rahmen.

Die Choreographien, die von vier Tanzpaaren sehr ansprechend (wenn auch nicht immer synchron) umgesetzt werden, sind ebenfalls schön anzusehen. Federfächer und Stepptanz – beides gehört unumstößlich dazu, wenn man an Gene Kelly denkt, der ja die Filmvorlage mit inszeniert hat. Zwar verfügen die Hauptdarsteller allesamt nicht über ein sehr ausgeprägtes Tanztalent, doch sie haben Spaß und das wirkt ansteckend.

Olaf Schmidt, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, schickt das Publikum mit den Schwarz-weiß-Videos aus den 1920er Jahren, die sehr gekonnt mit Ausschnitten der Musical-Hauptdarsteller verwoben sind, direkt auf eine Zeitreise in die Stummfilmära. Produzenten, Regisseure und Schauspieler sehen sich mit den populärer werdenden Tonfilmen ganz neuen Herausforderungen gegenüber. Ganz nebenbei müssen noch zahlreiche Affären und Intrigen möglichst pressewirksam verkauft werden.

Dora Bailey (gespielt von Kirsten Patt) ist das Bindeglied zwischen Bühnengeschehen und Zuschauern. Ihre Reportagen sind es, die immer wieder einen Wechsel des Blickwinkels ermöglichen. Im Mittelpunkt des Interesses steht das Stummfilm-Traumpaar Don Lockwood und Lina Lamont. Während Lina in ihrer tumben Art jedoch alles glaubt, was die Presse über das Paar schreibt, und daher von ihrer baldigen Verlobung ausgeht, steht für Don fest, dass es sich bei ihrer „Beziehung“ um reines Schauspiel für die Reporter handelt. Privat ist er weit davon entfernt, sich in Lina zu verlieben.

Doch Don war nicht immer ein gefeierter Star und so lernt das Publikum direkt am Anfang auch Cosmo kennen, seinen Weggefährten, mit dem er seit Kindheitstagen dem Künstler- und Schauspielertraum nachjagte. Auch in Hollywood ist Cosmo an Dons Seite – wenn auch nur als Pianist.

Die schöne heile Stummfilmwelt bekommt einen herben Knacks als sich Don in die Sängerin und Nachwuchsschauspielerin Kathy verliebt. Lina wird ihm immer egaler und er versucht, jede freie Minute mit Kathy zu verbringen. Als Studioboss R. F. Simpson beschließt, ab sofort auch Tonfilme zu drehen, um mit der Konkurrenz mithalten zu können, winkt Kathys große Chance. Denn Lina Lamont mag vielleicht hübsch anzusehen sein, aber ihre quäkend-schrille Stimme ist nicht zu ertragen, ganz zu schweigen von ihrem Gesang. Cosmo hat die Idee, die Filme mit Lina zu drehen und die Tonspur hinterher von Kathy neu aufnehmen zu lassen.

Dies scheint auch ganz hervorragend zu funktionieren, bis Lina dahinterkommt. Sie ist nicht bereit, ihren Ruhm mit Kathy zu teilen – gleiches gilt für Don. In ihrer verblendeten Selbstliebe ist Lina fest davon überzeugt, dass die Zuschauer sie auch weiterhin vergöttern werden. Sie erpresst Don und Kathy damit, die Scharade auffliegen zu lassen und so Kathys Hollywood-Karriere im Keim zu ersticken. Don, Kathy und auch R. F. sehen keine Chance sich Lina entgegenzustellen.

Auf der Eröffnungs-Pressekonferenz des neuesten Films („Der tanzende Kavalier“) wird Lina vom begeisterten Publikum aufgefordert, ein Stück aus dem Film zu singen. Es ist einmal mehr Cosmo, der den rettenden Einfall hat und Kathy hinter dem Vorhang singen lässt, während Lina nur die Lippen dazu bewegt. Don zieht heimlich den Vorhang auf, Cosmo greift ebenfalls zum Mikro und Lina wird zum Gespött der versammelten Presse.

Für die Hauptrollen hat sich das Theater Lüneburg wieder drei Gäste eingeladen: Gerd Achilles ist als Don Lockwood zu erleben, Merle Hoch ist die selbstbewusste und talentierte Kathy Seldon und Kristian Lucas gibt Dons cleveren besten Freund Cosmo.

Den meisten Applaus erntet jedoch Beate Weidenhammer, deren Interpretation der nervtötenden, quietschenden Lina Lamont ihresgleichen sucht. Ihr Solo „Was läuft hier schief?“ ist schreiend komisch. Dass man absichtlich so schief singen kann, ist – in diesem Fall – unglaublich gut.

Kathy Seldon ist nicht minder selbstbewusst, doch kennt sie ihre Grenzen und ist von sich bei weitem nicht so überzeugt wie Lina. Merle Hoch verleiht der jungen Sängerin viel Weichheit und Raffinesse. Sie ist sehr sympathisch und man kann verstehen, warum sich Don in dieses Mädchen verguckt. Hochs klare Stimme kommt insbesondere bei „You are my Lucky Star“ und „Would you?“ sehr schön zur Geltung.

Gerd Achilles gelingt die Gratwanderung vom übertrieben spielenden Stummfilmstar zum normalen schwer verliebten Mann ganz hervorragend. Mit seinem Tenor verleiht er „Singin‘ in the Rain“ oder „Fit as a Fiddle“ viel Schwung. Seine Energie schwappt zusammen mit dem Pfützenwasser über die Rampe und die Zuschauer bekommen nicht genug.

Die zweite Reihe scheint Cosmos Schicksal zu sein. Doch durch spitzbübische Ideen und viel Wortwitz gelingt es ihm, sich immer wieder bemerkbar zu machen. Kristian Lucas scheint sich in dieser Rolle sehr wohl zu fühlen. Er ist absolut überzeugend! Vor allem Szenen wie Dons Vokaltraining („Moses Supposes“ – herausragend: Marcus Billen als Sprecherzieher) und den Szenen, in denen er mit Achilles und Hoch gemeinsam auf der Bühne steht („Got to dance“, „Good morning“) ist seine Spielfreude greifbar. Doch auch sein Solo „Make ‚Em Laugh“ bereitet viel Freude.

Ulrich Kratz darf als R. F. Simpson ganz in der Rolle der „grauen Eminenz“ aufgehen. Sein Bariton dröhnt klangvoll durch den Saal – ihm widerspricht man nur sehr zögerlich. Doch auch die durch Linas Erpressung ausgelöste Hilflosigkeit nimmt man ihm ab. Ebenfalls aus dem Haus-Ensemble ist Steffen Neutze, der als gestresster Regisseur Roscoe Dexter viele Lacher auf sich vereint.

„Singin in the Rain“ bringt sehr viel gute Laune mit. Wenn es noch dazu, wie in Lüneburg, so leichtfüßig und unterhaltsam inszeniert wird, dass Zuschauer und Darsteller gleichermaßen Freude daran haben, gibt es nichts hinzuzufügen. Beim Finale mitsummende Zuschauer und auch ein Jahr nach der Premiere nicht enden wollender Applaus sprechen für sich.

Michaela Flint

Theater: Theater Lüneburg
Besuchte Vorstellung: 21. November 2019
Darsteller: Gerd Achilles, Merle Hoch, Kristian Lucas, Beate Weidenhammer, Ulrich Kratz, Steffen Neutze
Regie / Musik: Olaf Schmidt / Nacio Herb Brown
Fotos: Andreas Tamme