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Starlight Express – Runderneuerung nach 30 Jahren

„Starlight Express“ ist weltweit das am längsten an demselben Standort gespielte Musical. Drei Generationen von Musical- und Eisenbahnfans haben sich in den mehr als 30 Jahren seit der deutschen Premiere 1988 von Andrew Lloyd Webbers Klassiker verzaubern lassen.

Die Macher lassen sich viel einfallen, um die Show weiter zu entwickeln, zu modernisieren und so für alle nachwachsenden Theaterbesucher spannend zu machen: Zunächst wurden die Eisenbahntrassen über Kreuz quer durch das Parkett gelegt, dann folgten Stunt-Fahrer, es folgten neue Songs und Pyrotechnik.

Pünktlich zum 30. Geburtstag 2018 gab es die umfassendsten Veränderungen in der Geschichte dieses Musicals:

  • neue Kostüme für Elektra, Pearl, Red Caboose und weitere Züge
  • der Zug „Brexit“ als weiterer Starter an dem Rennen
  • Ashley und Buffy wurden aufs Abstellgleis gefahren
  • neue Songs (u. a. für die Personenzüge und für Pearl)
  • neue Texte (aus „G.E.K.U.P.P.E.L.T.“ wird „A.B.G.E.H.Ä.N.G.T.“)
  • die größte Veränderung: die alte Dampflok „Papa“ wird durch „Mama“ ersetzt

Das ist für Kenner der Show ganz schön viel auf einmal…

Dass Ashley, der Rauchwaggon, und Buffy, der Büffetwaggon, nicht mehr dabei sind, ist schade, denn beide haben den Zeitgeist repräsentiert, der zur Entstehung der Musicals herrschte. Ersetzt wurden sie durch Carrie und Belle, einen Gepäckwagen und einen Getränkewagen.

An den eigentlichen Rollen hat sich jedoch nichts geändert. Neu ist der Song „Ich bin ich“, mit dem die Personenzüge unterstreichen, dass Individualität zählt und kein Grund zur Ausgrenzung ist.

Es fällt auf, dass die Nicklichkeiten und Streits zwischen den Zügen und deren Waggons deutlicher hervorgehoben werden als in der Vergangenheit. Diese plakative Zurschaustellung von Feindschaft ist nicht notwendig und führt dazu, dass Kinder im Publikum irritiert fragen, warum und worüber sich die Züge so lange streiten.

Hier spielt auch eine Rolle, dass man sich auch nach drei Jahrzehnten in Bochum treu bleibt und die Phonetik vieler Darsteller derart zu wünschen übriglässt, dass man das Gesungene nicht versteht.

Die neuen Kostüme sollen moderner sein, aber Red Caboose wirkt dadurch eher fad. Er erinnert mehr an den Riddler aus „Batman“ und ist weniger intrigant als früher, da seine Geldforderungen von Greaseball und Elektra einmal mehr sehr plakativ und berechnend sind.

Pearl musste sich von ihrer 80er Jahre „Wallemähne“ trennen und sieht jetzt aus wie eine 08/15-Tussi mit einem Sonnenhut als Accessoire.

Am diskussionswürdigsten ist jedoch das neue Kostüm von Elektra: War er früher noch in rot-blau gewandet, was den Wechselstrom sehr farbenfroh darstellte, trägt er nun – wie auch seine Züge – in schwarz-silber mit hohem Glitzerfaktor. Sein Kopfschmuck wiederum erinnert an die Glasfaserlampen aus den 80er Jahren, verfehlt aber seine Wirkung in Silber komplett. Elektra war schon immer der „androgyne“ Herausforderer, in der neuen Inszenierung läuft er jedem Travestiekünstler spielend den Rang ab.

„Brexit“ als neuen Zug einzuführen, ist eine politisch zeitgenössische Idee. Da dieser Zug aber lediglich für einen doch sehr billigen Witz („Kann nicht antreten, weil er zu spät ist.“) auf der Bühne steht, hätte man sich diesen auch gern sparen können.

Der Verlust von Papa schmerzt, war doch die erfahrene Dampflok die Schulter zum Anlehnen, der Tröster und Mutmacher in einem, den viele Zuschauer sehr geliebt haben. Warum es diesen radikalen Wandel gab, kann man nur mutmaßen.

Doch auch Mütter haben gute Ratschläge und so fügt sich Mama sehr stimmig in das Gesamtwerk ein. Dies liegt allerdings zu einem sehr großen Anteil an Reva Rice, die diese Rolle für „Starlight Express“ in Deutschland kreiert hat. Die erfahrende Broadway-Darstellerin war in den 80er Jahren die erste Pearl am Broadway und hat im „New Starlight Express“ Ende der 90er Jahre in London die Rolle erneut übernommen. Ihre Ausstrahlung ist raumgreifend. Ihr Gesang (und insbesondere ihre Phonetik) ist über jeden Zweifel erhaben: Hier steht jemand auf der Bühne, der mit jeder Faser seines Körpers das Publikum zu begeistern weiß.

Markus Fetter gibt einen sehr süßen Rusty und weiß mit Gefühl und Energie zu überzeugen. Die inszenatorischen Änderungen der „Starlight Express“-Szene ohne grünen Laser, dafür mit Discokugel, gelben Strahlen und Minidrohnen, unterstreichen die Magie der Szenerie.

Emilie du Leslay als Pearl ist süß und zurückhaltend. Warum sie mit Elektra mitgeht, der ja nun absolut nicht pfeifen kann (was ihr aber neuerdings essentiell wichtig zu sein scheint), versteht in dieser Neu-Inszenierung kaum jemand. Gesanglich ist sicherlich noch etwas Luft nach oben, aber sie gehört zu den phonetisch verständlicheren Darstellern auf der Bühne. Allerdings läuft ihr Rose Ouellette als Dinah den Rang ab: Sie hat eine spannendere Bühnenpräsenz und zeigt den anderen eindeutig, wo es langgeht.

Der Lieblingszug von Dinah ist unverändert Greaseball. David Brown spielt den sehr von sich überzeugten Chauvi rollendeckend, aber um gänzlich zu überzeugen, fehlt ihm noch ein wenig.

Kristian Jacobs und Daniel Ellison reichen nicht an das heran, was man von Elektra und Red Caboose kennt und folgerichtig erwartet. Beide agieren mit angezogener Handbremse und können auch gesanglich nicht mit ihren Vorgängern mithalten. Das ist sehr schade, denn gerade diese beiden Figuren haben der Show zu mehr Abwechslung verholfen. Nun wirken diese beiden Züge doch sehr arg gestreamlined.

Tom Slade treibt an diesem Nachmittag sein Orchester zu Höchstleistungen an – vielleicht hört man deshalb die Drums doch so manches Mal lauter als man es sich wünschen würde.

„Starlight Express“ ist und bleibt eine Show, in der Kinderträume wahr werden. Doch auf Krampf potentielle sexistische Rollenprofile abschaffen zu wollen und dadurch die Rivalität zwischen Männern und Frauen noch deutlicher hervorzuheben, ist am Ziel vorbei gearbeitet. Da hilft es auch nicht, dass einer der Rockys nun von einer Frau gespielt wird oder der TGV von Coco, ebenfalls einer Frau, gezogen wird.

Mir persönlich haben die Rollenprofile der 80er Jahre sehr gut gefallen, denn sie haben ein für mich stimmiges Gesamtbild ergeben. Durch die Anpassung des fast 40 Jahre alten Stoffs an vermeintliche gesellschaftliche Denkmuster des 21. Jahrhunderts wirkt die Show eher unrund. Denn wenn man dies komplett zu Ende denkt, fehlt auf jeden Fall ein eindeutig homosexueller Zug und Machos wie Greaseball bekommen sicherlich keine so selbstbewussten Waggons wie Dinah ab…

Aber wer weiß, wie sich „Starlight Express“ weiterentwickelt – bisher haben die Kreativen sich noch immer etwas Neues einfallen lassen… Ein Ende dieser Erfolgsstory scheint jedenfalls nicht in Sicht.

Michaela Flint

Theater: Starlight Express Theater, Bochum
Besuchte Vorstellung: 8. September 2019
Darsteller: Reva Rice, Markus Fetter, Emilie du Leslay, David Brown, Rose Ouelette, Kristian Jacobs, Daniel Ellison, Christian Jones
Regie / Musik: Arlene Philipps / Andrew Lloyd Webber
Fotos: Starlight Express