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Verstörende Inszenierung mit einem herausragenden Pegleg Man

William S. Burroughs‘ und Tom Waits’ “The Black Rider” ist alles andere als leichte Kost. Sowohl musikalisch als auch von der Handlung her wird dem Zuschauer hier einiges abverlangt. Vergleichbar hiermit ist allenfalls „Shockheaded Peter“ von den Tiger Lillies. Auch hier muss sich das Publikum auf die sehr spezielle Handlung und Musik einlassen, um einen künstlerischen Theaterabend zu erleben.

Beiden Stücken gemein ist, dass die Regisseure die ohnehin schon anspruchsvollen Grundlagen noch um eine meist sehr bizarre Inszenierung erweitern. So auch in Koblenz, wo Anja Nicklich die Geschichte von Wilhelm, Käthchen und dem Teufel – hier Pegleg genannt – in ein Zirkuszelt verbannt, in dem allerlei seltsame Gestalten ihr Dasein fristen.

Die Handlung an sich ist sehr überschaubar: Buchhalter Wilhelm verliebt sich in die Jägerstochter Käthchen. Deren Vater akzeptiert aber nur einen Jäger als standesgemäßen Ehemann für seine Tochter. Folglich muss sich Wilhelm, dem jegliche Gewalt zuwider ist, als Jäger beweisen, um seine Auserwählte heiraten zu können.

Er lässt sich auf einen Pakt mit dem Teufel ein, der ihm magische Kugeln gibt, die immer das Ziel treffen, welches Wilhelm sich wünscht. Lediglich eine Kugel wird vom Teufel selbst kontrolliert. Wilhelm ist überglücklich, dass seine List nicht erkannt wird und er Käthchens Vater überzeugen kann. Doch am Hochzeitstag geschieht ein vermeintliches Unglück und die letzte magische Kugel trifft ausgerechnet Käthchen. Dies ist natürlich kein Zufall, denn hier hat der Teufel seine Finger im Spiel… Wilhelm dreht daraufhin durch und findet sich am Ende im Kreis all derer wieder, die dem Teufel ebenfalls auf den Leim gegangen sind.

Vor dem Hintergrund, dass der Autor des Stücks seine Frau während eines aufgrund von Alkoholmissbrauch missglückten „Wilhelm-Tell-Spiels“ selbst erschossen hat, erklärt sich, warum während der gesamten Show über den Köpfen der Darsteller ein alter Mann an einer Schreibmaschine sitzend in einem Vogelkäfig vor sich hinvegetiert. Diesen Bezug kann aber der „normale“ Zuschauer nicht so ohne weiteres herstellen und so ist auch der Mann im Vogelkäfig nur eines von vielen Opern des Teufels.

Pegleg, der Teufel, kommt passenderweise mit einem Schweinskopf am Fuß auf die Bühne (anstatt des obligatorischen Hufs). Er ist ein Zirkusdirektor, der von einer großen Schar schauerlicher Kreaturen umgeben ist. Dazu atmet er sehr schwer und lautstark und erinnert nicht nur vage an Darth Vader aus „Star Wars“. „Der Teufel ist Dein Vater“ setzt sich im Laufe des Abends im Kopf so mancher Theaterbesucher fest.

Adrian Becker spielt den Pegleg herausragend. Er hat eine raumgreifende Bühnenpräsenz, ist stimmgewaltig und sehr einschüchternd. Mit dem Teufel ist nicht gut Kirschen essen, das spürt man nur allzu deutlich. Dass alle um ihn herum nahezu vor Angst erstarren, wenn er in der Nähe ist, kann man sehr gut verstehen. Während „Pegleg Man“ kann Becker seine volle stimmliche Bandbreite nutzen und hat einen von vielen starken Momenten an diesem Premierenabend.

Denn mit Ausnahme von Christof Maria Kaiser als Wilhelm spielen die anderen Darsteller ihre Rolle so überzeugend schräg, dass man kaum zu sagen vermag, was hier Zufall ist und was beabsichtigt.

Kaiser gibt einen herrlich schüchternen Buchhalter, verleiht dessen Liebe zu Käthchen im schwebenden Duett „A prior and a rose“ sehr gefühlvoll Ausdruck und auch den Spaß am erfolgreichen „Rumballern“ sowie die damit sofort einhergehenden Gewissensbisse nimmt man ihm ab.

Die repetitive Musik von „Waits‘ Wüstlingen“, wie die 10-köpfige Band im Programmheft liebevoll genannt wird, ist sehr enervierend und sorgt neben dem ohnehin schon gefährlich mächtigen Teufel für großes Unbehagen. Manchmal wirkt es gar so, als würden einige Instrumente, bspw. die Trompete, bewusst falsch gespielt, was das Publikum noch unruhiger auf den Sitzen herumrutschen lässt.

Hinzu kommt, dass Monologe und Dialoge häufig auf deutsch und englisch vorgetragen werden (manchmal einfach nur als Übersetzung des vorher Gesagten), wohingegen die Songs allesamt ausschließlich auf englisch gesungen werden. Ein roter Faden ist nur in der Form erkennbar, dass auch hier weiterhin das verstörende Element der gesamten Inszenierung fortgeführt wird.

Neben den abwechslungsreichen Masken und Kostümen (Antonia Mautner Markhof) komplettieren die abgehackt und disharmonisch anmutenden Choreographien von Luches Huddleston jr. die Inszenierung. Man kann den Kreativen nicht vorwerfen, dass sie das Grundkonzept nicht durchgängig in allen Gewerken beherzigt hätten.

Am Ende gipfelt alles in dem wahnwitzigen „Don’t lie to the devil“. In dieser Szene drehen alle Kreaturen auf der Bühne komplett durch und man weiß gar nicht, wo man zuerst wegschauen soll, weil es so verwirrend ist. Zum Schluss manipuliert der Teufel dann auch noch das Publikum und lässt es irritiert zurück.

„The Black Rider“ polarisiert ohne jede Frage. Stört man sich an Einzelheiten und versucht Sinn und Verstand in diesem völlig verrückten Musical zu entdecken, wird man wenig Spaß haben, denn es geht hier nicht um die rationale Erzählung eines Dramas. Lässt man sich jedoch darauf ein und sieht den künstlerischen Gesamtzusammenhang und den mit Adrian Becker exzellent besetzten Pegleg kann man einen schönen Abend im Theater Koblenz erleben.

Michaela Flint
leicht gekürzt erschienen in musicals – Das Musicalmagazin

Theater: Theater Koblenz
Premiere: 2. Februar 2019
Darsteller: Adrian Becker, Cynthia Grose, Jona Mues, Julia Steingaß, Michael Hamlett, Victoria Garcia Martinez, Nathaniel Yelton, Christof Maria Kaiser, Irina Golovatskaia, Marcel Hoffmann, Reinhard Riecke
Regie / Musik: Anja Nicklich / Tom Waits
Fotos: Matthias Baus