home 2018, Neu Legendärer Historienstoff vortrefflich vermusicalt

Legendärer Historienstoff vortrefflich vermusicalt

Ausgehend von der Krönung von Papst Joannes Anglicus wird rückblickend die Lebensgeschichte von Johanna erzählt, die schon direkt nach ihrer Geburt vom Vater als Wechselbalg bezeichnet wird.

Heimlich lehrt die Mutter Johanna lesen und schreiben, was im 9. Jahrhundert n. Chr. alles andere als angebracht war für ein Mädchen. Zudem bringt sie ihrer Tochter bei, dass es neben dem katholischen Glauben noch andere Glaubensformen und Götter gibt, wie bspw. den germanischen Göttervater Odin.

Johannas Selbstständigkeit und ihr ausgeprägter Wissensdrang führen dazu, dass Aeskulapius, der eigentlich ihren Bruder auf die Klosterschule in Dorstadt mitnehmen möchte, auf sie aufmerksam wird. Als der Vater seine Zustimmung verweigert, dass auch Johanna mit auf die Klosterschule geht, laufen die Kinder nachts von zuhause weg. Gemeinsam gehen sie auf die Klosterschule und Johanna wird zum Schützling von Markgraf Gerold, der sie vor allen Anfeindungen durch die Klosterbrüder bewahrt.

Nach einem Normannenangriff, dem außer Johanna alle im Kloster zum Opfer fallen, sieht sie ihre einzige Chance darin, sich fortan als Mann zu verkleiden und geht als Mönch ins Kloster Fulda. Auch dort macht sie sich jedoch schnell Feinde, denn entgegen der katholischen Vorgaben beschäftigt sie sich intensiv mit den Schriften von Hippokrates und wendet dessen Heilungsmethoden erfolgreich an.

Doch genau diese Heilungskünste ebnen ihr den weg nach Rom, wo sie schon nach kurzer Zeit zum Leibarzt des Papstes wird.

Sie, von der natürlich in Rom (außer Aeskulapius) keiner ahnt, dass sie eine Frau ist, erfreut sich ob ihres medizinischen Fachwissens großer Beliebtheit beim Volk. Als nach der Vergiftung ein neuer Papst gewählt wird, fällt die Wahl der Kardinäle auf sie. Am Ziel ihrer Träume angekommen, muss Johanna, gekrönt als Papst Joannes Anglicus, lernen, dass ihre Liebe zu Gerold und ihre Schwangerschaft sich nicht verheimlichen lassen. In einem dramatischen Finale erleidet Johanna eine Fehlgeburt vor den Augen der römischen Bürger, die sie selbst nicht überlebt.

Diese dem Reich der Mythologie entstammende Geschichte erlaubt viel Spielraum für Intrigen, und auch tiefe Gefühle – ob nun Liebe oder Hass – sind unumgänglich. Eine wahre Fundgrube für jeden Musicalautor! Dennis Martin (Musik), Peter Scholz (Produktion), Christoph Jilo (Dramaturgie) sowie Stanislav Moša (Regie) konnten für ihre Inszenierung, die in diesem Jahr zum zweiten Mal in Fulda gezeigt wurde, aus dem Vollen schöpfen.

Die wandelbare Drehbühne (Christopher Weyers) kommt dann auch entsprechend pompös daher. Ob römischer Säulengang, die ärmliche Hütte von Johannas Eltern, die Klosterschule, ein Bordell oder die päpstlichen Gemächer – mit wenigen zusätzlichen Großkulissen und den Treppenelementen lässt sich alles im „Handumdrehen“ glaubwürdig auf die Bühne bringen.

Etwas unnötig sind die Projektionen auf die Leinwand im Hintergrund der Großkulisse. Man sieht zum einen nicht viel davon, zum anderen gibt es immer mal wieder Fehlermeldungen, die davon zeugen, dass das verwendete System wohl noch nicht ganz ausgegoren ist.

Musikalisch bekommt das Publikum dank zusätzlicher Halbplaybacks vom Band einen fulminanten Sound geboten. Damit wird auch die vierte Reprise von „Wechselbalg“ nicht langweilig. Dennis Martins hat den Schwerpunkt ganz klar auf die Soli und Duette der Protagonisten gelegt. Ensemblenummern wie „Im Namen des Herrn“ oder „Jahrmarkt in St. Deny“ sind zwar lustig, aber mehr als Füllmaterial sind sie am Ende nicht.

Hingegen hat „Wehrlos, machtlos“, das Liebesduett von Johanna und Gerold im ersten Akt, das Zeug zu einem über die Grenzen dieses Stücks hinaus bekannten Musicalhit. Das liegt aber auch daran, dass Sabrina Weckerlin und Mark Seibert hierfür schlicht die ideale Besetzung sind. Ihre Stimmen harmonieren perfekt.

Die großartige Besetzung ist es auch, die „Die Päpstin“ so sehenswert macht.

Sabrina Weckerlin ist die Rolle der Johanna auf den Leib geschrieben. Sie ist in jeder Sekunde präsent, man leidet mit ihr, erlebt ihre Zweifel, aufkeimenden Gefühle für Gerold und Trauer um den verlorenen Bruder hautnah mit. Gesanglich ist sie über jeden Zweifel erhaben. Ihre Bandbreite reicht von gefühlvoller Ballade bis hin zu kraftvollen Rocknummern und sie überzeugt mit jedem einzelnen Song. „Allein“ ist ein Beispiel dafür, wie sie alle Zuschauer allein mit ihrer Stimme in ihren Bann zieht.

Doch auch Mark Seibert als Markgraf Gerold darf sowohl seine gefühlvolle als auch seine kämpferische Seite zeigen. Besonders schön war sein (geplanter?) Versprecher „Ich werde Wien … äh Rom noch heute verlassen!“. Die Zuschauer, die Seibert noch aus „Elisabeth“ oder „Mozart!“ kennen, hatten hier hörbar ihren Spaß!

Reinhard Brussmann ist das personifizierte Gewissen. Als Aeskulapius ist er Erzähler und Johannas Mentor gleichermaßen. Er hilft dem Publikum das Geschehen historisch einzuordnen und passt auf, dass Johanna nicht zu schaden kommt. Sein warmer Bariton geht unter die Haut.

Die Rolle des Fieslings Anastasius hat Christian Schöne übernommen. Anastasius ist ein durch und durch machtbesessener, missgünstiger und neidischer Mensch, der Johannas Erfolg an der Klosterschule genauso missachtet wie ihren steilen Aufstieg in Rom bis zum Papst Joannes Anglicus – auch wenn er bis kurz vor Schluss nicht ahnt, dass diese beiden Widersacher ein und dieselbe Person sind. Angetrieben von seinem Vater Arsenius (Daniele Nonnis) setzt er alles daran, selbst Papst zu werden, was ihm zeitlebens nicht gelingen wird. Schöne verleiht diesem unangenehmen Charakter sehr viel Glaubwürdigkeit und bildet einen guten Gegenpart zu Weckerlins sanfter, aber nicht minder gewinnender Ausstrahlung. Nonnis ist als machtverwöhnter Vater Arsenius ebenfalls sehr überzeugend und hat seinen Sohn sehr gut im Griff (bis dieser ihn aus eigenem Machtdurst umbringt).

Lutz Standop darf als Bischof Fulgentius und Prior Rabanus seine Wandlungsfähigkeit zeigen. Als vulgärer Bischoff und noch viel mehr als warmherziger Prior weiß er zu überzeugen. Ihm kommt auch die Rolle zu, Johanna einmal mehr vor den Anfeindungen ihres Umfeldes zu schützen.

Ein weiteres Highlight dieser Cast ist Anke Fiedler als Johannas Mutter sowie „Cesarin von Rom“, die mit ihrem Bordell so manche politische Entscheidung gewinnbringend für sich genutzt hat. Auch sie hat eigentlich nur ein Solo je Figur, legt hier aber soviel Energie hinein, dass sie das Publikum begeistert.

Am Ende sind es 5-6 Songs und 3-4 Protagonisten, die die gesamte Energie dieses Stücks transportieren und die Charaktere musikalisch beschreiben. Das ist schade für die anderen Darsteller, denn immerhin mühen sich hier mehr als 30 Künstler ab. Sie versuchen, die Lebensfreude und Ablehnung der Bevölkerung rund um Johanna in ihren verschiedenen Lebenslagen auszudrücken und geben ihr bestes, die Choreographien von Julia Poulet umzusetzen, was leider jedoch regelmäßig durch verpasste Einsätze misslingt.

Auch Stanislav Moša verleiht dem Stück nicht den erforderlichen Zusammenhalt. Es wäre wünschenswert, die Szenen zwischen den großen Duellen und Duetten von Johanna und Gerold oder Gerold und Anastasius mit Sinnhaftigkeit zu füllen. Die etwas planlos durch die Luft fliegenden Raben oder der an den „Zigeunerball“ im „Glöckner von Notre-Dame“ erinnernde „Jahrmarkt in St. Deny“ sind nur zwei Beispiele dafür, dass Buch und Regie deutliche Schwächen aufweisen.

Dennoch wird das Publikum durch „Die Päpstin“ sehr gut unterhalten, denn dramatische Stoffe mit charismatischen Hauptfiguren funktionieren – wie nicht zuletzt der Erfolg von „Elisabeth“ belegt. Und zumindest was die Songs der Titelfigur und deren Besetzung angeht, hat das Kreativteam in Fulda alles richtig gemacht.

Michaela Flint

Theater: Schloßtheater Fulda
Besuchte Vorstellung: 7. Juli 2018
Darsteller: Sabrina Weckerlin, Mark Seibert, Reinhard Brussmann, Anke Fiedler, Lutz Standop, Christian Schöne
Regie / Musik: Stanislav Moša / Dennis Martin
Fotos: Spotlight Musicals