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Eine gelungene, erwachsene Neuinszenierung

1999 feierte die erste große Musicalversion des Disney-Zeichentrickfilms in Berlin Weltpremiere. Der voluminöse Stoff von Victor Hugo wurde raumgreifend, technisch ausgefeilt und mit einem großen Fokus auf die Nebenrollen (insbesondere die mit den Comedians Gayle Tufts, Dirk Bach und Ralph Morgenstern besetzten Wasserspeier) inszeniert.

Erst 15 Jahre später sollte es eine englischsprachige Fassung geben. Für die Premiere im La Jolla Playhouse in San Diego im Herbst 2014 wurde James Lapines Buch von Peter Parnell dahingehend überarbeitet, dass weniger das Süßliche im Mittelpunkt steht, für das Disney so beliebt ist, sondern die einzelnen Charaktere deutlich mehr Tiefgang bekommen.

Auch Alan Menken und Stephen Schwartz haben die Songs überarbeitet bzw. ergänzt und durch den Einsatz eines großes (Kirchen-)Chores der ganzen Show ein noch beeindruckenderes Klangbild gegeben.

Diese neue, „erwachsene“ Ausrichtung wird schon in der ersten Szene spürbar: Frollo ist ein verbitterter, fast schon bösartiger Kirchenfürst. Doch ein Rückblick in seine Vergangenheit zeigt, dass er sich seit Jugendtagen schuldig fühlt, seinen Bruder, der mit einer Zigeunerin durchbrennen wollte, im Stich gelassen  zu haben.

Quasimodo ist demzufolge auch kein Findelkind, sondern der Sohn seines Bruders und damit Frollos eigen Fleisch und Blut. Frollo (gespielt von einem herausragenden Felix Martin) versucht, sich der „Missgeburt“ zu entledigen, bringt es aber nicht über sich und verschreibt sich fortan der Kirche .

Zum „Narrenfest“ wird es nicht nur bunt auf der Bühne, auch die Integration von verschiedenen Religionsspezifischen  Klanginstrumenten ist sehr gelungen. Überhaupt wird hier viel mit mehr oder weniger subtilen Hinweisen gespielt, die – wenn man sie wahrnehmen möchte – durchaus Spaß machen. König Louis XI , der mit der durch Andrea Merkel bekannt gewordenen Handhaltung des stabilen Dreiecks über die Bühne streitet, ist nur ein Beispiel hierfür.

In Parnells Vorstellung lebt Quasimodo in seiner Welt über den Dächern Paris’ nicht mit einigen wenigen Wasserspeiern zusammen, sondern mit fast zwei Dutzend, die ihm alle gehörig die Meinung sagen, ihm aber auch nahezu bedingungslos zur Seite stehen. Einzig als der frustrierte und verletzte Quasimodo seine steinernen Freunde anzweifelt und beleidigt („Nur aus Stein“), ziehen sie sich (vorübergehend) von ihm zurück.

Jede der Glocken, die in Alexander Dodges Bühnenbild anmutig und gewaltig zugleich erscheinen, hat einen Namen, den Quasimodo ehrfurchtsvoll und voller Liebe ausspricht. „Draußen“ hat einen wunderschönen, kindlichen Charme und ist voller Neugier. David Jakobs gelingt es, den entstellten Glöckner stimmlich sehr verletzlich zu intonieren. Seine Jugend hilft ihm dabei, binnen Sekunden zu einem großen Sympathieträger zu werden.

Das Kostümdesign von Alejo Vietti besticht durch viele Details und eine weniger „schreiende“ Farbenpracht. Es wirkt alles etwas dezenter und natürlicher als man es sonst von Disney-Musicals gewöhnt ist. Kostümwechsel finden vor den Augen der Zuschauer statt, in dem kleine Einzelteile ausgetauscht werden, die das Gesamtbild komplett verändern.

Dies gilt auch für die alle Männer bezirzende Esmeralda (Mercedesz Csampai). Ihr Slow-Motion-Tücher-Tanz ist sehr lasziv gedacht, doch Csampai wirkt zu sehr wie eine Latina und ihr Hüftschwung ist mit dem einer versierten Bauchtänzerin nicht zu vergleichen. Dies mag aber durchaus Absicht von Chase Brock (Choreographie) gewesen sein, denn auch viele Ensemble-Tanznummern haben einen eindeutig spanischen Einschlag, der aber leider von den Tänzern tendenziell wenig akkurat umgesetzt wird.

Die drei Männer – Frollo, Hauptmann Phoebus  und Quasimodo – wickelt Esmeralda spielend um den Finger. Ihre Zuneigung zu Quasimodo ist echt, sie verbringt Zeit mit ihm im Glockenturm von Notre Dame, lässt sich von ihm Gebärdensprache (toller Clou, denn laut Hugo’s Vorlage hat Quasimodo durch den Lärm der Glocken sein Gehör verloren) beibringen und fühlt sich sichtlich geborgen.

Ihre Stärke zeigt sich insbesondere dann, wenn sie sich frech gegen Frollo stellt.

Dieser sieht in ihr zunehmend eine Bedrohung – nicht nur für seine selbst auferlegte Keuschheit. Die erblühende Leidenschaft zwischen Esmeralda und Phoebus ist ihm ebenso ein Dorn im Auge wie die Zuneigung, die Esmeralda ganz offensichtlich für Quasimodo hegt. „Feuer der Hölle“ ist folgerichtig sehr intensiv, denn Felix Martin wird vom Chor großartig unterstützt – Gänsehaut pur!

Hauptmann Phoebus (Maximilian Mann) ist nicht bloß der tumbe Schönling, den man aus dem Disney-Trickfilm kennt, sondern hat durchaus Charakterstärke, die sich insbesondere in seinem Widerstand gegen Frollo zeigt. Den Kampf zwischen Frollo und Phoebus am Ende des ersten Akts beenden die Zigeuner mit einem (viele Zuschauer erschreckenden) Knalleffekt. Damit retten sie jedoch beiden Kontrahenten das Leben.

Doch das Drama geht weiter: Quasimodo muss mit ansehen, wie sich Esmeralda und Phoebus lieben, und Frollo verspricht Esmeralda Phoebus das Leben zu schenken, wenn sie ihm zu Willen ist. Sie willigt nur scheinbar ein, doch nachdem Phoebus bei Quasimodo in Sicherheit ist, wendet sie sich von Frollo ab und landet daher auf dem Scheiterhaufen. Dort spuckt sie Frollo ins Gesicht und sieht ihrem Ende entgegen. Doch Quasimodo rettet sie, während sich Clopin  um Phoebus Sicherheit kümmert.

Leider hält das vermeintliche Glück nicht lange: Esmeralda stirbt kurz nach ihrer Rettung, woraufhin sich Quasimodos geballte Wut entlädt und er den Verursacher allen Leids, Frollo, vom Kirchturm wirft.

Parnells Buch ist deutlich dichter dran an Victor Hugo’s düsterer Vorlage und lässt den „Disney-Filter“ weitgehend weg. Nicht unbedingt das Richtige für kleinere Kinder, aber ab 12 Jahren kann man die Handlung sicherlich verarbeiten. In Kombination mit symphonischen Showstoppern wie „Herz aus Stein“, „Hilf den Verstoß’nen“ und natürlich dem Ohrwurm „Einmal“ – der in der neuen Inszenierung sehr ruhig und melancholisch ist – wird der „Glöckner von Notre Dame“ richtig erwachsen.

Der Star der Show ist neben Quasimodo der 24-köpfige Chor, der mal a capella, mal als Verstärkung des Ensembles richtig Druck macht und für zahlreiche Gänsehautschauer sorgt. Die Zigeuner hingegen bleiben trotz schwungvoller Songs („Drunter Drüber“) blass, gleiches gilt für ihren „König“ Clopin (Gavin Turnbull), der zwar mit viel Wortwitz agiert, aber so richtig präsent ist er nicht.

Dafür haben die Wasserspeier – wie bereits erwähnt – deutlich an Bedeutung hinzugewonnen. „Ein Mann wie du“, Wie aus Stein“ und das finale „Einmal“ bestechen durch Witz, Freundschaft und Tiefgang. Insbesondere die letzte Szene, in der zunächst alle mit Masken und entstellt auf die Bühne kommen, was am Ende durch Quasimodo aufgelöst wird, indem er sich selbst von Buckel und Maske befreit, bleibt lange im Gedächtnis haften.

Die neue Tourfassung von „Der Glöckner von Notre Dame“ ist sehens- und hörenswert. Das Bühnenbild wirkt durch seine Holzkonstruktion spartanisch und warm zugleich. Das Orchester (in Stuttgart unter der bewährten Leitung von Bernhard Volk) verleiht Menkens Kompositionen genau das richtige Volumen und bringt sowohl die leisen Töne als auch die symphonischen Passagen absolut souverän zu Gehör.

Die aktuelle Besetzung ist durch die Bank gut, allen voran David Jakobs, der den verspielten, naiven und liebenswert ehrlichen Quasimodo sowohl spielerisch als auch gesanglich von der ersten bis zur letzten Minute sehr glaubwürdig durch die Achterbahn der Gefühle steuert. Felix Martin gelingt der Spagat zwischen Frollos durch eigene Fehler und dem klerikalen Machtmenschen bedingte Verbitterung hervorragend. Es ist spannend zu sehen, wie Martin hinter dieser streitbaren und umstrittenen Figur verschwindet. So kennt man ihn ganz sicher nicht. Und Mercedesz Csampai legt Esmeralda weniger oberflächlich an als man es sonst gewohnt ist. Manchmal ist sie jedoch zu ernst und zu erwachsen, da wäre etwas mehr Leichtigkeit schöner gewesen.

Doch auch in Scott Schwartz’s Inszenierung sind es die Wasserspeier, die das gesellschaftliche Gewissen repräsentieren. Hier findet sich jeder in der ein oder anderen Ansicht oder Haltung wieder. Großartig!

Michaela Flint

Theater: Apollo Theater, Stuttgart
Besuchte Vorstellung: 17. Februar 2018
Darsteller: David Jakobs, Felix Martin, Maximilian Mann, Mercedesz Csampai, Gavin Turnbull
Regie / Musik: Scott Schwartz / Alan Menken
Fotos: D. Overmann / J. Persson