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Der Mythos Marlene auf grandiose Weise entzaubert

Sie kennen Marlene Dietrich nur von den gleichnamigen Hosen? „Der blaue Engel“ – irgendwann mal gehört, aber nie gesehen? Sie haben nie verstanden, warum um diese Frau so ein Hype veranstaltet wurde?

Dann gehen Sie unbedingt ins Schmidtchen und schauen sich „Mythos Marlene“ an. Kerstin Marie Mäkelburg entführt das Publikum knapp zwei Stunden lang in die Lebens- und Gedankenwelt der Stilikone und des Hollywood-Lieblings.

Ausgehend von ihrem Tod im Jahr 1992 blickt Marlene zurück auf ihre lange, sehr bewegte Vergangenheit. Schon in jungen Jahren war sie in Berlin ein gefragter Stummfilmstar, doch erst nach der Veröffentlichung von „Der blaue Engel“ im Jahr 1930 nahm ihre Karriere Fahrt auf und sie ging mit Regisseur Josef von Sternberg in die USA, deren Staatsbürgerschaft sie 1939 annahm.

Marlene Dietrich war kein Kind von Traurigkeit, sie nutzte ihre Gelegenheiten, hielt sich nicht an Konventionen, führte eine offene Ehe und kämpfte zeitlebens gegen das durch „die fesche Lola“ (ihre Rolle im „Blauen Engel“) entstandene Image des liederlichen deutschen Fräuleins an. Dabei „kann ich doch viel mehr“. Aber wirklich sehen, wollte das wohl kaum jemand…

Kerstin Marie Mäkelburg ähnelt der Dietrich allein schon durch ihre Statur sowie ihre sehr markante, tiefe Stimme. Spielend leicht intoniert sie deutsche, englische und französische Titel – natürlich auch „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“.

Mit unbestreitbarer Arroganz und Bitterkeit zieht Mäkelburg (alias die Dietrich) über unfähige Maskenbildner, gutgläubige Männer und die ihr entgegengebrachten Vorurteile her. Sie lässt an niemandem – außer ihrem geliebten Gatten Rudi – ein gutes Haar.

Mit einer gewissen Süffisanz in Ausdrucksweise und Habitus macht sie den Zuschauern unmissverständlich klar, dass sie sich zwar der Anerkennung durch „ihr“ Publikum bewusst war und diese auch für ihre Zwecke einzusetzen wusste, dass sie aber letztendlich für ihr Umfeld nur Verachtung übrig hatte. Ein netter, sympathischer Mensch scheint Marlene Dietrich nicht gewesen zu sein.

Wenn sie von ihrer Tochter Marie berichtet („Mein kleines Baby“) spürt man keinen Mutterstolz, geschweige denn Liebe, sondern eine große Erwartungshaltung, dass auch die eigene Tochter ihrer Mutter dienen und keine Widerworte zu geben habe.

Sie schwärmt von Burt Bacharach („Kisses sweeter than wine“) und Frank Sinatra (den sie im Rahmen ihres „Engagements als Zirkusdirektor in Las Vegas“ kennenlernte), zitiert Ernest Hemingway und bringt klar zum Ausdruck, dass sie mit Charlie Chaplin nie etwas anfangen konnte.

Besonders beklemmend ist die Interpretation von „Sag mir, wo die Blumen sind“, die im Zusammenhang mit Marlene Dietrichs deutlicher Positionierung gegen Hitler und das NS-Regime treffsicher platziert ist.

Einer der emotionalsten Songs ist jedoch „Puff, der Zauberdrachen“, in dem Mäkelburg das Publikum hinter die maskuline, selbstbewusste Fassade der Dietrich lässt und die Hollywood-Diva ein wenig menschlicher und anfassbarer macht.

Dass die Berliner sie nach ihrer Zeit in den USA nicht mit offenen Armen empfangen haben, hat Marlene Dietrich arg zugesetzt. Wie sehr sie darunter gelitten hat, ihre geliebte Heimat in Trümmern zu sehen und die unverhohlene Abneigung der Berliner zu spüren, bricht sich in „Ruinen von Berlin“ Bahn, das Mäkelburg gleich viersprachig intoniert.

„Mythos Marlene“ ist kein heiteres, oberflächliches One-Woman-Stück. Doch die Verbitterung, die Verletztheit, die Härte von der Dietrich fesseln das Publikum. Hierzu trägt sowohl die schlanke Inszenierung nur mit Pianist Markus Schell und einem überdimensionalen Reisekoffer, der als Garderobe auf der Bühne dient, als auch das herausragende, teilweise nur auf einen Spot reduzierte Licht bei. Dadurch wird „La Dietrich“ noch mysteriöser.

Kerstin Marie Mäkelburg ist eine Erscheinung. Die Rolle der eleganten Diva steht ihr sehr gut zu Gesicht. Gleich ob im weißen (Fake Fur) Pelz oder im klassischen Frack – ihre Bühnenpräsenz lässt einen das Auge keine Sekunde von ihr abwenden. Sie bleibt zu jedem Zeitpunkt in ihrer Rolle, auch wenn einige Ansichten von Marlene Dietrich mindestens diskussionswürdig sind und im Zuschauerraum zu Raunen führen.

Erst nach dem Finale fällt die sprichwörtlich Maske und das gewinnende Lächeln von Kerstin Marie Mäkelburg bricht sich Bahn. Das Publikum ist restlos begeistert. Stehende Ovationen und auch während der Verabschiedung durch Hausherr Henning Mehrtens nicht enden wollende „Bravo“ Rufe belegen, dass das Schmidt Theater mit diesem Programm den Nerv der Zeit getroffen hat.

Nach dieser Show verstehen Sie den Menschen Marlene Dietrich sicherlich besser, es wird jedem im Schmidtchen klar, warum dieses „preußische Mädel“ alle um den Finger wickeln konnte. Man geht mit jeder Menge Gesprächsstoff und Dankbarkeit für solch eine hochprofessionelle, ergreifende Show aus dem Theater.

Michaela Flint

Theater: Schmidtchen, Hamburg
Besuchte Vorstellung: 18. November 2017
Darstellerin: Kerstin Marie Mäkelburg
Bearbeitung: Corny Littmann
Fotos: Oliver Fantitsch