home 2017, Neu Schnurrt auch nach über 35 Jahren wie ein Kätzchen

Schnurrt auch nach über 35 Jahren wie ein Kätzchen

Andrew Lloyd Webber’s Samtpfoten haben schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Genaugenommen tanzten die Katzen den Jellicle Ball 1981 zum ersten Mal – selbstverständlich in London. Mehr als 36 Jahre später (und mehr als 31 Jahre nach der Deutschlandpremiere in Hamburg) tourt „Cats“ noch immer durch die Lande und erfreut inzwischen die dritte Generation seit der Weltpremiere.

John Napier’s kreatives, ausladendes Design wurde für die Tourproduktionen schon vor Jahrzehnten verschlankt. So passt der Schrottplatz, auf dem sich die Katzen zum „Jellicle Ball“ treffen, nunmehr auch perfekt in die Alte Oper Frankfurt. Die blauen Lichterketten an der Decke erzeugen ein leicht nostalgisches Gefühl, das perfekt zu den leuchtenden Katzenaugen passt, die während der Ouvertüre überall auf der Bühne aufblitzen. Howard Eaton hat hier gute Arbeit geleistet und das sprichwörtliche Rad dankenswerter Weise nicht neu erfunden.

Doch schon hier wird klar, dass die Alte Oper soundtechnisch eine Herausforderung ist: Die achtköpfige Live-Band unter der Leitung von Tim Davies klingt blechern, der Gesang sehr mumpfig. Der Sound kommt komplett von vorn. Greg Pink hat sicherlich versucht, das Beste herauszuholen, aber die deutlichen Abstriche in Sachen Tontechnik konnte er nicht verhindern.

Umso schöner ist es, dass die Kostüme genauso aussehen wie 1981. Jede einzelne Katze hat den Wandel der Zeit unbeschadet überstanden und sieht bis zum letzten aufgemalten Schnurrbarthaar so aus, wie Napier es sich seinerzeit ausgedacht hat.

Marina Stevenson, selbst ausgebildete Tänzerin, die u. a. bei „Cats“ und „Phantom of the Opera“ im West End auf der Bühne stand, ist Resident Director der aktuellen Tour. Sie hat ausnehmend viel Erfahrung mit diesen musikalischen Katzen (u. a. in Spanien, den Niederlanden und der Schweiz), was man insbesondere an den Choreographien erkennt. Die Katzen bewegen sich sehr geschmeidig und die vielen Tanzszenen werden sehr synchron von den Darstellern performed.

Andererseits scheint sie es in dieser Produktion sehr eilig zu haben. Nicht nur, dass die komplette Sequenz von Growltiger und Griddlebone fehlt – das allein sind mehr als 15 Minuten –, auch dass viele Songs ohne kunstvolle Akzente und Pausen einfach „durchgesungen“ werden, schadet dem Stück. Die Charaktere haben daher viel weniger Möglichkeiten, sich zu präsentieren und ihre Geschichte nachhaltig zu erzählen. Besonders ins Gewicht fällt dies bei „Mungojerrie & Rumpleteazer“, „Rum Tum Tugger“, „Mister Mistoffelees“ und „Moments of Happiness“.

Die internationale Cast ist sehr gut besetzt, allen voran Joanna Ampil. Deren „Memory“ leidet zwar auch unter dem schlechten Sound, dennoch bekommt das Publikum, das dem weltbekannten Song entgegenfiebert („Jetzt kommt es!“), einen sehr guten Eindruck davon, zu was die überraschend jung wirkende Darstellerin fähig ist. Eine gute Soundanlage und die Zuschauer wären im wahrsten Sinn des Wortes weggeblasen worden. Ampil spielt sehr akzentuiert und streng, doch ihr Pfund ist die Emotionalität, die sie mit ihrem Gesang über die Rampe bringen kann.

Auch sehr beeindruckend ist Agnes Pure als Demeter. Ihre Mimik ist herausragend und ihre stimmliche Bandbreite, die sie bei „Macavity“ unter Beweis stellt, ist beeindruckend. Very british als Bustopher Jones und zuckersüß als Theaterkater Gus ist Tony McGill. Man amüsiert sich mit dem überkandidelten Feinschmecker-Kater und möchte den alten Kater, der sich wehmütig an seine Schauspielkarriere erinnert, einfach nur in den Arm nehmen.

Matt Krzan und John Brannoch gelingt es als Munkustrap und Rum Tum Tugger leider nicht ganz, ihre ansonsten sehr präsenten Rollen zu füllen. Beide sind exzellente Sänger und Schauspieler, doch die sehr gehetzte Personenregie und der mäßige Sound schaden gerade diesen beiden Charakteren sehr.

Ein Wort noch zu den „Übertexten“, die bei Produktionen auf Englisch offenbar notwendig sind: Kennt man „Cats“, dann kann man diese sehr gut ignorieren, zumal sie nur selten zum aktuell Gesagten / Gesungenen passen. Sieht man „Cats“ in dieser Tourproduktion zum ersten Mal und ist man der englischen Sprache nicht mächtig, helfen diese rudimentären Übersetzungen beim Verständnis nicht wirklich weiter. Warum lässt man also nicht die existierenden deutschen Texte parallel zum Gesang „durchlaufen“? Das wäre sicherlich deutlich zielführender.

Doch insgesamt hat „Cats“ seinen Zauber nicht verloren. Ja, es ist ein Musical der 1980er Jahre und das sieht, hört und spürt man. Doch es funktioniert! Die Musik berührt, die Chorographien beeindrucken und der „Hit-Song“ verfehlt seine Wirkung nicht. Es ist eine unterhaltsame Show, die man sich gern anschaut.

Michaela Flint

Theater: Alte Oper, Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 23. August 2017
Darsteller: Joanna Ampil, Matt Krzan, John Brannoch, Agnes Pure, Tony McGill
Musik / Regie: Andrew Lloyd Webber / Marina Stevenson
Fotos: Alessandro Pinn