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Chitty Chitty Bang Bang lässt das Prinzregententheater abheben!

Mit dem Einsetzen der Ouvertüre wird das Publikum direkt in eine andere Welt versetzt: Auf der bühnenfüllenden Leinwand läuft ein ausführlicher Vorspann, in dem alle Darsteller und sonstigen an der deutschen Fassung von „Chitty Chitty Bang Bang“ Beteiligten namentlich aufgelistet sind. Wenn das nicht großen Respekt vor den Künstlern auf, vor, hinter und unter der Bühne zeigt!

Dann folgt – ebenfalls als filmischer Ausschnitt (in schwarz-weiß) – die Geschichte des einst erfolgreichen Motorsportwagens, der nunmehr in Coggins Werkstatt sein Dasein als Schrotthaufen und Lieblingsspielgerät von Jemima und Jeremy Potts fristet. Ab diesem Moment entspannt sich die weitere Geschichte in sehr gelungenen Kulissen und mit sehr authentischen Darstellern auf der Bühne.

Der rostende Sportwagen weckt auch das Interesse der Baronin von Bomburst, die ihn ihrem auf Spielzeuge versessenen Ehemann gern zum Geburtstag schenken möchte. Kurzerhand setzt sie die Spione Boris und Goran darauf an, die sich auf den Weg von Vulgarien nach England machen, wo sich der Wagen befindet.

Als Caractacus Potts seine beiden Kinder in der Werkstatt entdeckt, ist er darüber wenig erfreut, doch bei beiden beknien ihren Vater, einen glücklosen, aber nicht weniger kreativen Erfinder, das Auto zu kaufen, bevor es in der Schrottpresse landet.

Schon in dieser ersten gemeinsamen Szene treffen die Potts‘ auch auf Truly Scrumptious, die ihr defektes Motorrad in Coggins’ Werkstatt reparieren lassen möchte. Sie nimmt jedes Fettnäpfchen mit und hinterlässt bei Caractacus keinen besonders guten Eindruck. Doch der Zufall bringt alle wieder zusammen: Papa Potts erfindet zufällig eine Bonbonpfeife, die er dem Süßwarenhersteller Scrumptious unbedingt zum Kauf anbieten möchte. Mit tatkräftiger Unterstützung von Truly gelingt dies.

Nun hat der Vater genug Zeit und Geld, den Schrotthaufen, den er für den Gegenwert seines defekten Haarschneidefahrrads erworben hat, in das zu verwandeln, wovon jedes Kind träumt: Einen liebevoll restaurierten Oldtimer, der nicht nur fahren, sondern auch schwimmen und fliegen kann. Gemeinsam machen die vier einen ersten Ausflug (unter begeistertem Applaus des Publikums) und locken damit die tollpatschigen vulgarischen Spione an, die aber dank ihrer „vorzüglichen“ optischen und akustischen englischen Tarnung kaum mehr zu erkennen sind.

Als die Spione ihre Monarchin informieren, was das Auto inzwischen alles kann und auch Baron Bomburst davon erfährt, wird ihr Auftrag unmissverständlich: Chitty muss nach Vulgarien. Um jeden Preis! Kurzerhand entführen die schusseligen Spione Caractacus Potts – allerdings nicht den Erfindern, sondern dessen weltreisenden Vater. Die Verfolgungsjagd von Papa Potts, Truly und den Kindern ist abenteuerlich. Angekommen in Vulgarien wird es nicht besser: Sie lernen, dass Kinder dort verboten sind und vom fiesen Kinderfänger gesucht und eingesperrt werden. Und das alles nur, weil die Baronin Kinder nicht leiden kann. Doch der Spielzeugmacher (der seine Spielzeuge nur noch für den Baron macht) versteckt Jemima und Jeremy bei sich. Leider kommt der Kinderfänger ihnen auf die Schliche und entführt die beiden Kinder.

Währenddessen muss sich Opa Potts gemeinsam mit vielen anderen Erfindern trickreich gegen den Baron zur Wehr setzen, der von ihnen erwartet, dass sie aus irgendeinem anderen Schrotthaufen ein zweites „Wunderauto“ machen. Denn der Geburtstag des Barons naht und er will sich selbst das größte Geschenk machen.

Während im Schloss die Vorbereitungen auf eine pompöse Geburtstagsfeier auf Hochtouren laufen, begeben sich Papa Potts und Truly in den Untergrund, wo sie auf zahlreiche andere Kinder treffen, die sich unter dem Schloss verstecken. Gemeinsam hecken sie einen Plan aus, um Jeremy und Jemima sowie Opa Potts zu befreien.

Am Schluss werden der Kinderfänger nebst Baronin und Baron gefangen genommen und Chitty fliegt mit Familie Potts und Truly zurück ins heimische England.

So zuckersüß die Geschichte klingt, so gelungen ist die Umsetzung vom Münchner Gärtnerplatztheater, die aufgrund des Umbaus im Prinzregententheater stattfindet. Die Kulissen sind liebevoll und verspielt; es gibt zahllose Details zu bestaunen. Judith Leikauf und Karl Fehringen haben hier ganze Arbeit geleistet und zeigen deutlich, dass Stadttheater sich ganz sicher nicht hinter West End Produktionen verstecken müssen. Insbesondere die Mühle, in der Familie Potts lebt, und die Süßwarenfabrik fallen hier nachdrücklich auf. Auch die Perspektivenwechsel, wenn sich Schiff und Zeppelin der Vulgarier Chitty bedrohlich nähern, sind super gelöst.

Die Kostüme von Alfred Mayerhofer sind farbenfroh und den Charakteren angemessen. Der Kinderfänger ist herausragend unsympathisch gewandet! Die Einfälle für die Verwandlung von Boris und Goran in „englische Lords“ sowie die Roben der Baronin sind witzig und unterstützen die exzentrischen Charaktere sehr gut.

Frank Thannhäuser hat die teilweise doch sehr britischen Texte sehr gut ins Deutsche übertragen und spart auch nicht an herrlich überzogenen Klischees. Bspw. fragen sich Boris und Goran, ob es möglich ist, Englisch zu sprechen und trotzdem vulgär zu sein? Klare Antwort: „Nein, das können nur Amerikaner!“ Auch die Adaption des im englischsprachigen Raum sehr beliebten Schlafliedes „Hushabye Mountain“ ist gut gelungen. „Sandmännchens Berge“ und „Träume süß Strand“ geben das süßliche, kindgerechte des Originaltexts sehr gut wieder. Gleiches gilt für die „Rosen des Erfolgs“, welches der Spritzigkeit des Originals in nichts nachsteht.

An einigen Stellen wird aber auch klar, dass die deutsche Sprache manchmal etwas holprig ist. „Stil“ ist so ein Beispiel, bei dem es bei beiden Kinderdarstellern sichtlich schwer fällt das Songtempo und die vielen Worte in Einklang zu bringen.

„Chitty Chitty Bang Bang“ lebt von seinen schmissigen, eingängigen Melodien. Die Sherman-Brüder haben sich – genau wie mit „Mary Poppins“ – ein musikalisches Denkmal gesetzt, das auch noch in 100 Jahren Kinder und junggebliebene Erwachsene erfreuen wird. Die Original-Choreographien hat Ricarda Regina Ludigkeit ganz hervorragend für das große Münchner Ensemble angepasst, wobei positiv auffällt, dass Peter Lesiak ein sehr guter Tänzer ist.

Apropos Lesiak, für die diesjährige Wiederaufnahme konnte – mit Ausnahme der Kinderdarsteller – nahezu das komplette Premierenensemble von 2014 wieder verpflichtet werden. Dass das Team eingespielt ist, spürt man deutlich. Spielfreude und Authentizität werden hier ganz klar großgeschrieben!

Peter Lesiak ist ein überaus sympathischer Erfinder. Er versprüht jungenhaften Charme, ist gesanglich voll auf der Höhe und spielt ganz entzückend zusammen mit den Kindern. Da futtert er dann auch mal schnell eine ganze Banane während seine Kollegen „Truly Scrumptious“ intonieren. Einzig als „Jack in the Box“ ist er ein wenig zu „instabil“, was aber sicherlich von Josef E. Köpplinger so gewollt war. Dadurch geht der romantische Kontext des „Spieluhr“-Songs leider ein wenig verloren. Doch mit Szenen wie „Teamwork“ – sowohl im ersten Akt als auch kurz vor dem Finale – kann er seine komplette Energie ausspielen und wird so zum Traumpapa für viele Kinder im Publikum.

Als gar nicht so süße, sondern schön robuste Truly Scrumptious steht Katja Reichert auf der Bühne des Prinzregententheaters. Sie hat ihren eigenen Kopf und das zeigt sie auch. Gleichzeitig hat sie ein sehr großes Herz und „verliebt“ sich sofort in Jemima und Jeremy. Als Puppe auf der Drehscheibe ist sie absolut herausragend. Ihre Bewegungen sind absolut perfekt abgestimmt und sehr akzentuiert. Gesanglich kann sie leider nicht ganz mit Lesiak mithalten, aber insgesamt harmonieren die beiden perfekt.

Die schrille Baronin Bomburst ist eine Traumrolle für jede Darstellerin mit komödiantischem Talent. Sigrid Hauser geht in dieser Rolle vollends auf. Sie ist der heimliche Star des Abends. Mit ihrer immensen stimmlichen Bandbreite steckt sie alle anderen spielend in die Tasche, und ihr Gespür für Pointen ist in Gestik wie Mimik gleichermaßen überzeugend. Die „Bombie Samba“ stellt sie inmitten von leicht bekleideten, gut gebauten Herren in knappen rosa Shorts in den Mittelpunkt. Das gefällt Frau Baronin sichtlich! Auch im schrägen „Tschutschi-Maus“-Duett mit dem Baron begeistert sie. Da hat es Erwin Windegger nicht leicht mit ihr mitzuhalten. Folglich steht er als Baron auch im Schatten seiner allgegenwärtigen Gattin und geht allen mit seiner kindischen Trotzigkeit vortrefflich auf die Nerven.

Frank Berg spielt den schusseligen, aber deshalb nicht weniger liebevollen Opa Potts sehr gut. Auch im Zusammenspiel mit den Kindern („Stil“) oder als vermeintlicher Erfinder inmitten potentieller Einsteins („Rosen des Erfolgs“) gibt er eine gute Figur ab.

Als fieser Kinderfänger inmitten einer farbenfrohen, heilen Welt sein Unwesen zu treiben, ist sicherlich nicht leicht. Markus Meyer spielt diesen unangenehmen Zeitgenossen aber mit großer Strahlkraft. Er stakst auf hochhackigen Schuhen über die Bühne wie der Storch im sprichwörtlichen Salat, was aber perfekt zu dem schleimigen, hinterhältigen Kinderfänger passt. Dass der „Childcatcher“-Song in der deutschen Fassung nur instrumental anklingt, ist sehr bedauerlich, doch Meyer jagt den Kindern auf und vor der Bühne auch ohne „Rattenfänger“-Melodie einen gehörigen Schrecken ein.

Die meisten Lacher bekommt aber das Comedy-Duo Patrick A. Stamme und Stefan Bischoff, die als vermeintlich hochprofessionelle Spione Boris und Goran ein echtes Erlebnis sind. Irgendwie wird man dennoch den Eindruck nicht los, dass die beiden mehr Glück als Verstand haben und zu den befremdlichsten Mitteln greifen, um ihr Ziel zu erreichen. Stamme und Bischoff sind ein herrliches Duo Infernale, werfen sich die Bälle gekonnt zu und treiben einem mit ihrer Tollpatschigkeit die Lachtränen in die Augen.

Zu diesen herausragenden Protagonisten kommen noch fast 40 weitere Ensemblemitglieder, Sänger des Theaterchors und aus der Statisterie. Da wird es mitunter richtig voll auf der Bühne! Wenn diese große Anzahl an Künstlern dann noch eine weitgehend koordinierte Kickline zu „Teamwork“ präsentiert, kann man nicht mehr machen als ihnen begeistert zu applaudieren.

„Chitty Chitty Bang Bang“ ist ein wunderbares Familienmusical. Es gibt viel zu schauen, liebevoll ausgearbeitete Charaktere, eine schräge, aber unterhaltsame Geschichte, eingängige Musik (in München übrigens vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter der Leitung von Michael Brandstätter perfekt intoniert) und nicht zuletzt ein fliegendes Auto, das auch erfahrenste Musicalbesucher in Begeisterung versetzt.

Michaela Flint

Theater: Prinzregententheater, München
Besuchte Vorstellung: 13. Juni 2017
Darsteller: Peter Lesiak, Katja Reichert, Frank Berg, Erwin Windegger, Sigrid Hauser, Markus Meyer, Patrick A. Stamme, Stefan Bischoff
Musik / Regie: Richard M. Sherman & Robert B. Sherman / Josef E. Köpplinger
Fotos: Thomas Dashuber